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Das Lied „1944“ von Jamala – ein Plagiat?

Gestern gewann die Krimtatarin Susana Jamaladinowa alias ‚Jamala‘ den Eurovision Songcontest 2016 für die Ukraine mit ihrem Lied ‚1944‘. Das Lied ist laut Aussage von Jamala eine Anspielung auf die Deportation der Krimtataren durch Josef Stalin. Während den Massendeportationen im Jahre 1944, bei der ca. 200.000 von der Krim in die verschiedenen Regionen Zentralasiens vertrieben wurden, sollen mehrere tausend Menschen gestorben sein. Die Großmutter von Jamala soll während der Vertreibung ihre kleine Tochter verloren haben.

Jamala selbst ist 1983 in Osch (Kirgisistan) geboren und kehrte nach 1991 mit ihrer Familie auf die Krim zurück.

Die Krim auf einer Karte von Piri Reis, 1520.

Die Krim auf einer Karte von Piri Reis, 1520.

Eine kleine Zusammenfassung der Geschichte Krims erleichtert die historische Zuordnung der Ereignisse in 1944.

Die Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer war ab dem 15. Jhd. hauptsächlich unter krimtatatischer und später unter osmanischer Verwaltungsmacht. Das 1441 gegründete Khanat der Krim errichtete ihr Palast und zahlreiche andere Prachtbauten in der neuen Hauptstadt Bahçesaray, die nun als das neue Zentrum des Islams der heutigen Ukraine fungierte. Ab 1478 gelang die Krim unter den Schutz osmanischer Sultane bis sie 1771 von den Russen erobert wurde und drei Jahre später ihre Unabhängigkeit erlangte. Zwischen 1783 und 1922 migrierten ca. 1,8 Millionen Krimtataren in das Osmanische Reich.

Flagge des Khanats der Krim. Offiziell vom Eurovision Songcontest verboten.

Flagge des Khanats der Krim. Offiziell vom Eurovision Songcontest verboten.

Während des zweiten Weltkriegs besetzten deutsche Soldaten die Krim und nahmen zahlreiche Tataren als Kriegsgefangene. Die Sowjets warfen den später Tataren vor, mit den Deutschen ein Bündnis geschlossen zu haben und starteten 1944 unter dieser Begründung die Massendeportationen.

Mit der Zeit wurden viele Klagelieder, Balladen und klassische Musikstücke komponiert, die diese dunklen Kapitel der Geschichte Krims zum Inhalt nahmen.

Eines der bekanntesten Lieder in krimtatarisch-türkischer Sprache ist das Lied mit dem Titel: „Ey güzel Qırım“ (O du schöne Krim!) mit den folgenden Wörtern:

Aluşta‘dan esken yeller
yüzüme vurdu
Balalıktan ösken evge
köz yaşım düştü

 

Men bu yerde yaşalmadım
yaşlığıma toyalmadım

Vatanıma hasret kaldım
ey güzel Kırım

 

Bahçelerin meyvaları
bal ile şerbet
Sularını içe içe
toyalmadım men

 

Men bu yerde yaşalmadım
yaşlığıma toyalmadım

Vatanıma hasret kaldım
ey güzel Kırım

 

Bala çağa vatanım
dep köz yaşın döker
Kartlarımız emenç
yayıp dualar eder

 

Men bu yerde yaşalmadım
yaşlığıma toyalmadım

Vatanıma hasret kaldım
ey güzel Kırım

Übersetzt in die deutsche Sprache bedeutet es sinngemäß:

Der Wind, der von Alusta weht
gleitet über mein Gesicht.
Er lässt eine Träne fallen
auf den Ort, wo ich aufwuchs.

 

Nicht leben konnte ich dort,
keine Jugend hatte ich dort,
Sehnsucht nach meiner Heimat ist dort,
O du schöne Krim!

 

Ihre Gärten, ihre Früchte
Gleichen Honig und Süße
Ihr Wasser ich nicht
habe auskosten können

 

Nicht leben konnte ich dort,
keine Jugend hatte ich dort,
Sehnsucht nach meiner Heimat ist dort,
O du schöne Krim!

 

Unsere Kinder trauern
um ihr Heimat wegen
Unsere Älteren heben die Hände
und beten um ihret wegen

 

Nicht leben konnte ich dort,
keine Jugend hatte ich dort,
Sehnsucht nach meiner Heimat ist dort,
O du schöne Krim!

 

Die Abschnitte „Men bu yerde yaşalmadım, yaşlığıma toyalmadım“ (Nicht leben konnte ich dort, keine Jugend hatte ich dort), die genauso im Song von Jamala vorkommen, lassen anmuten, von welchem Lied sie inspiriert sein könnte.

Bilal Erkin, M.A. 57 posts

Bilal Erkin ist studierter Islamwissenschaftler und Informationsverarbeiter. Derzeit ist er Doktorand am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück und Referent beim Avicenna-Studienwerk.

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