Ein Kalif, der eine Oper für Wagner baute

Zitat:

„Das Spielen der Komposition Barcarolle vom Kalifen in London, versetze die gesamte englische Presse in Verwunderung“

Emre ARACI

Es ist der 7. April 1869.

Der Wagen des walesischen Prinzen, der später als Edward VII. den Thron besteigen wird, setzt sich langsam mit einem Festzug, dessen glitzernde Fahrzeuge starke Pferde zogen, in Bewegung. Die lautstarken Freudenkundgebungen der Menschen, die sich in Reihen neben den Fahrzeugen aufgestellt haben, vermischen sich mit der Melodie der englischen Nationalhymne, musiziert von der Königskapelle.

Schließlich kommt der Festzug vor den Toren der Oper, dessen monumentale Fassade mit Ornamenten geschmückt ist, zum Stillstand. Prinz Edward steigt mit seiner Uniform aus dem Wagen und betritt mit seiner Frau in Begleitung des Beifalls den Saal. Dieser ist so überfüllt, dass kein Platz mehr frei ist. Alle Gäste bemühen sich den englischen Nachfolger Prinz Edward und seine Frau zu sehen.

Zur gleichen Zeit nähern sich dem Operngebäude mehrere prachtvolle Autos. Als hochrangige Bürokraten mit Fes und Redingote über den gleichen roten Teppich den Saal betreten, geraten die Anwesenden in große Aufregung. Der nächste der den Saal betritt, ist der osmanische Kalif Sultan Abdülaziz. Gleich wird die Oper „L’Africaine“ von Meyerbeer präsentiert.

Nicht falsch verstehen: dieser überwältigende Abend nach mehrtägigen diplomatischen Gesprächen findet nicht im Crystal Palace in London, sondern in Istanbul, auf der „Istiklal Caddesi“ statt. Die Veranstaltung im Naum Theater, an dessen Stelle nur noch der Wind weht, war nur eines der Feierlichkeiten zu Ehren von Prinz Edward und seiner Gattin, die während seines Besuches in Istanbul veranstaltet wurden.

Der Kalif, der einen Walzer komponierte

Sultan Abdülaziz war ein berühmtes Beispiel für die Verzweigung in der Hochkultur der Osmanen nach der Tanzimat. Er gehörte dem Mevlevî-Orden an, praktizierte trotzdem künstlerische Tätigkeiten wie das Malen. Der Unterricht bei Yusuf Paşa, hatte ihn zum Neyzen ausgebildet und konnte außerdem Pinao und Laute spielen. Daneben war er ein begabter Komponist der „leichten Musik“.

Sein großes Interesse an der westlichen und östlichen Kunst und Kultur, besonders an ihrer Musik, verleitete ihn, fremde und inländische Künstler in den Palast zu holen. Dies führte dazu, dass die Kunst im osmanischem Reich ein neues Gesicht bekam und innerhalb seiner Regierungszeit, als die „goldenen Jahre“ unserer Geschichte begrüßt wurde.

Eine ähnliche Szene, wie oben beschrieben, erlebte Abdülaziz zwei Jahre vorher in London, welches die englische Öffentlichkeit tagelang beschäftigte. Als Ehrengast der Queen, schaute er die Oper im Crystal Palace zu und hörte die kaside, welches Luigi Arditi speziell für ihn komponierte und von 1600 Personen auf türkisch gesungen wurde. Die Stelle „O Sultan, das Volk von London sagt dir ‚Herzlich willkommen'“, das vom Chor so laut gesungen wurde, dass die Wände der Oper hallten, befriedigte seinen Stolz. Die Sache endete nicht damit, sondern die vom Sultan komponierten Werke wurden tagelang durch die königliche Kapelle in den Straßen von London gespielt.

Desweiteren wurden die Noten der Walzer und Polkas, die vom Sultan selbst komponiert wurden, in den europäischen Ländern veröffentlicht, von den Militärkapellen übernommen und an öffentlichen Veranstaltungen gespielt. Sein Werk ‚La Gondole barcarole“ hatte er während seines Aufenthaltes in London komponiert und die englische Presse geriet wegen seines Einflusses in die europäische Musik dermaßen in Verwunderung, dass sie darüber tagelang berichteten.


Der Kalif hilft Wagner

Dr. Emre Aracı fügt mit seinem wertvollen Aufsatz eine weitere Seite zur vergessenen osmanischen Geschichte hinzu (Andante, Dezember 2003-Januar 2004). Der berühmte deutsche Komponist Richard Wagner fing 1867 mit der Erbauung eines Theaters an, worin er seine Opernstücke mit einer ‚innovativen Technik‘ aufführen wollte. Nachdem die finanzielle Hilfe des bayrischen Königs Ludwig II. nicht ausreichte, erwartete er die Hilfeleistung durch die europäische Aristokratie. Obwohl er sie an vielen Stellen beantragte, bekam er nicht die Hilfe, die er sich erhofft hatte. Hoffnungslos nahm er Kontakt mit dem osmanischen Palast auf. Dass ihn Abdülaziz sehr gut kannte und seine Werke an den Häfen von Istanbul verfolgte, konnte er natürlich nciht wissen. Etwas Unerwartetes passierte, und er erhilet eine sofortige Zusage aus Istanbul.

Im Archiv von Bayreuth wird der Dankbrief aufbewahrt, den Wagner an Abdülaziz für die finanzielle Unterstützung schickte. Die Spende im Wert von ungefähr 70.000 Euro in heutiger Zeit lenkte das Interesse vieler Künstler und Intellektueller auf den eigenartigen Charakter des Sultans und der berühmte Komponist Franz Liszt sah sich gezwungen, in einem Brief zu schreiben, dass die europäischen Herrscher und Prinzen das Verhalten des Sultans als Vorbild nehmen sollten.

Nach Beendigung des Theaters in Bayreuth am 13. August 1876 kam es zur Eröffnung. Es herrschte eine rege Teilnahme der Mitglieder des europäischen Herrscherhauses und der Aristokraten am Tage der Eröffnung und nur ein Sitzplatz blieb frei. Die Person, für dem dieser Platz reserviert wurde -Abdülaziz- war zu dem Zeitpunkt nicht mehr am Leben: zweieinhalb Monate vorher wurde er abgesetzt und später tot in seinem Zimmer aufgefunden, wo man ihn gefangen hielt. Seine Einladungskarte blieb auf seinem Sitzplatz liegen und sogar das Nichterscheinen reichte aus, dass er zum Gesprächsthema wurde.

Dr. Aracı fragt hier berechtigt:

Zitat:

„Wenn wir unwissend über unsere musischen Entwicklungen vor nur einem Jahrhundert geblieben sind und wegen diesen Informationen staunen, wie sollen wir dann unsere Zukunft auf ein sicheres Fundament bauen können?“

Wo er Recht hat, hat er Recht.

Nun haben wir Einiges gelernt, so lasst uns über die Werke des osmanischen Kalifen nachdenken, die während der „Zeit des Zerfalls“ im Reich „in dem die Sonne nie untergeht“ mit Stolz gespielt wurde, und anschließend über unsere jetzigen Führungspersonen, die sich bemühen, überall wo sie sind, Englisch zu sprechen.

Gibt es wohl eine andere Nation auf der Welt, die soviel Unverdientes der eigenen Geschichte zuschreibt, als die Türkei?


Pressestimmen

„Der türkische Sultan als Sponsor“ – Halbmond überm Grünen Hüge, 11.08.2009 in br-online

 

Dieser Artikel ist eine genehmigte Übersetzung aus dem Buch
„Osmanlı Tarihinde Maskeler ve Yüzler“ von Mustafa Armağan


Übersetzer:
Bilal Erkin
ISBN: 975-263-116-9
Verlag: Timaş Yayınları
Veröffentlichungsort: İstanbul, 2007
Seiten: 240

Bilal Erkin, M.A. 57 posts

Bilal Erkin ist studierter Islamwissenschaftler und Informationsverarbeiter. Derzeit ist er Doktorand am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück und Referent beim Avicenna-Studienwerk.

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