Ein Staatsislam im Elfenbeinturm? Islamische Theologie an deutschen Universitäten

Im Jahre 2010 kündigte die Bundesregierung an, an deutschen Universitäten die Islamische Theologie aufzubauen. Seit über einem Jahr sind nun Zentren der Islamischen Theologie eröffnet worden. Zu diesem Thema sind wir im Gespräch mit Bilal Erkin, Islamwissenschaftler und Doktorand am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück.

Redaktion: Herr Erkin, können Sie sich bitte kurz vorstellen?

Bilal Erkin: Ich bin in Köln geboren und in einem sozialen Brennpunkt groß geworden. Nach meinem Abitur studierte ich Islamwissenschaften und Informationsverarbeitung (BA) in Köln. Während meines Masters in Islamischer Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster arbeitete ich als wissenschaftliche Hilfskraft am neu gegründeten Zentrum für Islamische Theologie. Nach meinem Abschluss wechselte ich an die Universität Osnabrück als Doktorand und arbeite seitdem im Institut für Islamische Theologie Osnabrück. Ich bin zugleich Promotionsstipendiat der »Maturidi Studienförderung für Islamisches Denken« und engagiere mich in diversen sozialen Projekten.

Redaktion: Seit über einem Jahr sind an vier verschiedenen Hochschulstandorten Zentren der Islamischen Theologie eröffnet worden. Wo liegen die Ursprünge der Etablierung der Islamischen Theologie an deutschen Hochschulen?

Bilal Erkin: Mit den Empfehlungen des Wissenschaftsrats im Januar 2010 wurde eine Diskussion zur Etablierung der akademischen Islamischen Theologie an deutschen Hochschulen entfacht. Nachdem das Bundesministerium für Bildung und Forschung eine Förderung für vier Standorte und fünf Jahre ausschrieb, bewarben sich mehrere Universitäten. Im Herbst 2010 empfahl die vom BMBF einberufene Gutachterrunde Tübingen und Münster/Osnabrück als förderungsfähige Zentren der Islamischen Theologie. Im Frühjahr 2011 schlossen sich Frankfurt/Gießen und Erlangen-Nürnberg an.

Hauptziel dieser theologischen Zentren war die Ausbildung von islamisch-theologischen NachwuchswissenschaftlerInnen, LehrerInnen für den bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen sowie Personal für soziale Einrichtungen und Imame für die Moscheegemeinden.

Bisher wurden nicht alle Professuren besetzt, sodass mehrere Stellen noch ausgeschrieben werden – einige sogar international. Kein Wunder, denn es fehlt an qualifiziertem muslimischem Personal. Den Großteil der wissenschaftlichen Mitarbeiter machen ausgebildete IslamwissenschaftlerInnen aus, die nach Gründung dieser Zentren zur bekenntnisorientierten Islamischen Theologie gewechselt sind.

Das »Zentrum für Islamische Theologie (ZITH)« an der Eberhard Karls Universität Tübingen nahm ihre Lehrtätigkeit im Wintersemester 2011 auf und wurde feierlich im Januar 2012 als erster Standort eröffnet. Ebenso studieren in den Standorten Frankfurt/Gießen und Münster/Osnabrück die Studierenden seit dem Wintersemester 2011 das Fach »Islamische Theologie«. In Erlangen-Nürnberg begann das Studium ein Jahr später.

Zu nennen ist noch das Graduiertenkolleg Islamische Theologie, das von der Mercator Stiftung für den Zeitraum von 2011 bis 2016 mit 3,6 Millionen Euro finanziert wird. Gefördert werden im Rahmen dieses Graduiertenkollegs bis zu 15 Doktoranden, die an den einzelnen Standorten betreut werden und als wissenschaftliche MitarbeiterInnen einen Beitrag beim Aufbau der Zentren leisten.

Die Förderung vom BMBF ist für die Dauer von max. 5 Jahren ausgelegt. Nach einer anschließenden Evaluation sollten die Universitäten selbst die einzelnen Zentren in den Hochschulbetrieb integrieren. Langfristig ist es angedacht, dass die Zentren die Größe einer Fakultät einnehmen und somit vergleichbar werden mit den evangelischen und katholischen Fakultäten.

Redaktion: Welche Studiengänge bieten die einzelnen Standorte an und welche Berufsperspektiven stehen den Studierenden später zur Verfügung?

Bilal Erkin: An allen vier Standorten können Sie derzeit »Islamische Theologie« als Bachelorfach studieren. An fast allen Standorten wird das Lehramtsfach »Islamische Religionslehre« angeboten, um ReligionslehrerInnen für den bekenntnisgebundenen Islamunterricht an verschiedenen Schulformen auszubilden. In weitere Studiengänge wie »Islamische Religionspädagogik« als Master-Ergänzungsfach können sich Lehramtsstudenten einschreiben. Konsekutive Master-Fächer, die auf den Bachelor aufbauen, befinden sich derzeit in der Vorbereitung und sollen frühestens ab dem Wintersemester 2014 angeboten werden. Es besteht natürlich auch die Möglichkeit einer Promotion im Fach »Islamische Theologie« oder »Islamische Religionspädagogik « mit dem Abschluss Dr. phil. Für die »Islamische Theologie« geben die Standorte folgende Berufsperspektiven an:

  • Forschung und Lehre
  • Moscheegemeinden
  • Islamische Seelsorge
  • Verbandstätigkeiten
  • Integrations- und Migrationsarbeit
  • Kulturmanagement
  • Erwachsenenbildung
  • Beratungstätigkeiten

Oft eröffnen sich auch andere Berufsfelder für die Absolventen, zumal kompetente Fachkräfte in den verschiedensten Branchen immer wieder gesucht werden.

Redaktion: Es werden Erwartungen wie »zeitgemäßer Islam« oder »historisch-kritische Methode« zu Wort gebracht, damit sich die Islamische Theologie an die Bedürfnisse der in Deutschland lebenden Muslime anpassen kann. Wie beurteilen Sie diese Begriffe?

Bilal Erkin: Es ist bemerkenswert, dass gerade diejenigen Menschen diese Erwartungshaltung mitbringen, von denen man erwartet, dass sie sich seit Jahren mit dem Thema Islam beschäftigt haben und sich mit der Vielfalt der islamischen Tradition sehr gut auskennen. Die Islamische Theologie an  Rede ist von Islamwissenschaftlern, die genau dieselben Argumente vorbringen, wie manch ein Politiker, Journalist oder Universitätsrektor. Einige Muslime wiederum fassen diese Aussagen so auf, dass sie glauben, man wolle den Islam in ihren Fundamenten ankratzen und einige Grundannahmen verwerfen. Somit entstehe ein Staatsislam, der von den Politikern »kontrolliert« und den hier lebenden Muslimen aufoktroyiert werde. Dass diese Annahmen unbegründet sind, ist mit der Tatsache verbunden, dass sich der Staat nicht in theologischen Angelegenheiten einmischen darf; unabhängig davon, ob es sich um die christliche, muslimische oder jüdische Theologie an einer deutschen Hochschule handelt. Des Weiteren werden die potenziellen Professoren vor ihrer Berufung von einem konfessorischen Beirat einstimmig akzeptiert, der sich aus Vertretern von muslimischen Verbänden wie DİTİB, VIKZ, ZMD, Schura usw. sowie von muslimischen Einzelpersonen des öffentlichen Lebens zusammensetzt. Natürlich kann es sein, dass einige berufene Professoren später Thesen aufstellen, die den Glaubensüberzeugungen der mehrheitlichen Muslime wiederstrebt und dies zu Konflikten führt. Der Fall Sven Kalisch in Münster ist das beste Beispiel dafür. Nichts desto trotz darf nicht vergessen werden: Die Hochschule ist ein Ort der Wissenschaft, wo bestimmte wissenschaftliche Standards eingehalten werden müssen. Sie ist also in erster Linie keine traditionelle islamische Lehreinrichtung gleich einer ›Medrese‹, wo unhinterfragt theologisches Wissen weitertradiert wird, sondern sie hat einen Anspruch zur Forschung für neue Erkenntnisse. Welche wissenschaftlichen Methoden zur Erlangung neuerer Erkenntnisse angewandt werden können, sind somit sekundär. Viele tun sich allerdings damit schwer, dass die akademische islamische Theologie in Deutschland erst in den Kinderschuhen steckt und keine Tradition hat. Dementsprechend können innovative Ansätze innerhalb der Theologie erst dann angegangen werden, wenn die Tradition im Wesentlichen erfasst, zugänglich gemacht und verstanden wird. Dieser Prozess wird eine sehr lange Zeit in Anspruch nehmen. Zu fordern, dass die Islamische Theologie diesen Prozess schneller durchlaufen soll als die christlichen Theologien in der Vergangenheit, finde ich persönlich unfair.

Was nun die »historisch-kritische Methode« betrifft, so ist zu sagen, dass viele islamische Wissenschaftsdisziplinen wie Koranexegese oder Hadithwissenschaften genau aus dem Grund entstanden, weil die Gelehrten die historisch-kritische Methode verwendet haben. Auf den Koran angewandt bedeutet dies, dass die Koranverse nicht wortwörtlich genommen wurden, sondern dass sich die Gelehrten gefragt haben, was könnten die Offenbarungsanlässe (asbāb an-nuzūl) sein, welche verschiedenen philologischen Lesarten (aḫruf) gibt es oder wie kann dieser Vers ausgelegt werden (tafsīr). Auf die Prophetentradition (aḥādīt) angewandt, meint es die Überprüfung der einzelnen Tradenten auf ihre Vertrauenswürdigkeit (ṯiqa) oder die Untersuchung des Textes auf ihre Richtigkeit. Mit anderen Worten ist die »historisch-kritische Methode« für die bisherige islamische Tradition nicht unbekannt und findet bis in die heutige Zeit Anwendung.

Wenn von einem »zeitgemäßen Islam« gesprochen wird, sollte erst einmal ermittelt werden, was die statischen (ṯawābit) und die wandelbaren (mutagayyirāt) Elemente des Islams sind. Die traditionellen Gelehrten unterschieden hier zwischen den Glaubensüberzeugungen (‘aqīda) und der Glaubenspraxis (‘amal). Die Glaubenspraxis wiederum unterteilt sich in Gottesdienste (‘ibādāt) und zwischenmenschlichen Handlungen (mu‘āmalāt). Die Mehrheit der Muslime sehen sowohl die Glaubensüberzeugungen als auch die Gottesdienste als einen festen Rahmen, innerhalb dieser sich die zwischenmenschlichen weltlichen Handlungen entfalten können. Fakt ist, dass sich Gesellschaften wandeln und in Deutschland lebende Muslime ganz andere Bedürfnisse haben können als Muslime, die in islamischen Ländern leben. Deshalb ist es nicht ganz abwegig, von einer »Zeitgemäßheit des Islams« zu sprechen, wenn Antworten auf aktuelle und offene Fragen der hier lebenden Muslime geliefert werden. Ich denke dabei an Themen wie Schächten, Beschneidung, »Islamisches Finanzwesen« oder Kopftuchverbot an Schulen.

Eine Überstürzung des Prozesses wird meiner Ansicht nach keine nachhaltigen Ergebnisse liefern. Ich lade alle Betroffenen und Interessierten daher zur Besonnenheit und zur Geduld ein.

Redaktion: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung beschreibt die Islamische Theologie an deutschen Hochschulen als »Teil einer zeitgemäßen Integrationspolitik«. Trifft diese Aussage ihrer Ansicht nach zu?

Bilal Erkin: Als ich noch ein minderjähriger Jugendlicher war, sprach die Öffentlichkeit über die Integration von ›Ausländern‹, sprich Arabern, Türken, Albanern, Russen oder Jugoslawen. Heute heißt es, die Muslime hätten ein Integrationsproblem. Dieses Phänomen geht sicherlich zurück auf den 11. September und zeigt ihre Extreme in ›antimuslimischem Rassismus‹. Es ist aus meiner Sicht daher sehr gefährlich, Integrationsdebatten mit der Islamischen Theologie oder gar den Muslimen zu vermengen und zu verwechseln. Wenn mit der Etablierung der islamisch-theologischen Standorte die ›Integration der Islamischen Theologie‹ an deutschen Hochschulen gemeint ist, hätte ich nichts dagegen einzuwenden. Wenn damit allerdings beabsichtigt wird, die sozialen Probleme der Muslime – sei es mit Migrationshintergrund oder ohne – lösen zu wollen, dann sollte es einem erlaubt sein, zu hinterfragen, ob der Ort der Islamischen Theologie an den Hochschulen richtig ist. Gescheiterte Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte kann mit einem Islamunterricht oder mit wissenschaftlich ausgebildeten Theologen nicht gelöst werden. Sie labeln damit auch ›deutsch-deutsche‹ Muslime, die keinen Migrationshintergrund haben, als integrationswürdig, sofern sie den Islam zur Integrationspolitik machen. Ich empfehle daher die strikte Trennung von Integrationsthemen mit Islamangelegenheiten und lehne die Reduzierung der Migranten auf ihre Religion vehement ab.

Redaktion: Sie sind derzeit Doktorand am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. Zu welchem Thema forschen Sie?

Bilal Erkin: Mein Forschungsthema lautet: ›Das Verständnis von Wissen (‘ilm) in der mystischen Koranexegese‹. Ich möchte untersuchen, welche Wissenskonzepte die islamische Gelehrsamkeit ab dem 9. Jhd. gekannt hat und wie sie sie in ihre Koranexegese eingebettet haben. Die Mystiker (Sufis) nehmen in dieser Frage eine besondere Stellung ein, zumal sie sich oft für eine allegorische Deutung der Koranverse eingesetzt haben. Sie behaupteten, dass es nicht nur ein weltliches Wissen gibt, welches sich die Menschen durch Erfahrung und Erlernung aneignen können, sondern auch eine Art göttliches Wissen (‘ilm ladunnī). Ziel ist es nun, zu schauen, wie sie diese Art von Wissen theologisch oder philosophisch legitimieren und inwieweit sie sich von den anderen Gelehrten unterscheiden. Im dritten Schritt wäre es interessant, zu beobachten, ob das islamische Wissenskonzept in die europäische Wissens- und Erkenntnistheorie eingebettet werden kann. Ich würde mich sehr freuen, wenn damit nicht nur ein innermuslimischer sondern auch ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs angestoßen werden kann.

 

Dieser Artikel erschien in:

Zekai Dağaşan / Ayşegül Finke (Hrsg.): Unser Deutschland. Beiträge zur Migration & Integration. 2013. Bd. 1. Emmerthal: adal media. S. 135-141.

Bilal Erkin, M.A. 57 posts

Bilal Erkin ist studierter Islamwissenschaftler und Informationsverarbeiter. Derzeit ist er Doktorand am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück und Referent beim Avicenna-Studienwerk.

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