Fikr-i Herzekarâne

Ein absurdes Verständnis


„Ich sage zu meinen Schülern auch immer: ‚Wenn wir hier in der Klasse stille Post spielen, dann kommt am Ende auch etwas anderes raus‘. Genauso verhält es sich mit Prophetenüberlieferungen (Hadith), wo man nicht weiß, ob der Originalinhalt erhalten geblieben ist“


Och Nein…. Nicht schon wieder der Vergleich mit der „stillen Post“!

Dass ich das von einer Studentin hören muss, die bald Lehrerin für Islamunterricht sein soll, macht mich fassungslos.

Zum Hintergrund: Im Seminar ging es um die traditionellen Koranauslegungen /-interpretationen und zur dessen Methodik, dass sich in der Geschichte langsam etablieren konnte. Geprägt von der literarischen Untermauerung von Ignaz Goldzihers „Richtungen der islamischen Koranauslegung“ dulde ich die Referentin. Als die Thematik im Anschluss zur Diskussion offensteht, kommt genau der oben zitierte Wortlaut.

Soll ich jetzt lachen oder weinen? Wenn jemand diesen Vergleich macht, der sich mit dem Islam überhaupt nicht auskennt, kann ich das ja verstehen. Erwartet es jedoch nicht von mir es zu verstehen, wenn es von einer potenziellen Lehrerin für Islamunterricht kommt, die zukünftig die Kinder der Muslime unterrichten soll und ihnen diesen inadäquaten Vergleich eintrichtert.

Damit ihr meine Aufregung nachvollziehen könnt, nochmal meine Version des Vergleichs:

Stille Post: Hüvel ma’rûf (Allerseits bekannt)

Prophetenüberlieferung: Eine Gruppe der Gefährten hören dem Propheten zu, als er etwas laut (und nicht flüsternd) erzählt. Die Gruppe fängt abdann an, nach dieser überlieferten Tradition zu leben und es an andere zu tradieren. Das verläuft nicht so, dass wir eine Kette von Menschen haben, die das Gesagte nur von einer Person hört und nur an eine Person weitergibt, sondern wir haben eine Gruppe von Menschen, die danach lebt, es untereinander austauscht, wenn Unterschiede auftreten nachforscht und weitertradiert, bis sie irgendwann schriftlich festgehalten werden, samt ihren Überlieferern. Sogenannte Ridschâl-Literatur geht sogar soweit, die Biografien einzelner Tradenten aufzuzeigen und sie nach ihrer Frömmigkeit zu beurteilen, um die Authentizität der Überlieferung weitmöglichst zu gewährleisten. Andere Methoden, die ich nicht weiter aufführen werde (wer sich interresiert, melde sich bei mir für Literaturhinweise) unterstützen dieses Ziel.

Daher ist eine 1:1 Übertragung dieses Konzepts mit dem Stille-Post-Phänomen absurd!

Schema:

Bilal Erkin, M.A. 57 posts

Bilal Erkin ist studierter Islamwissenschaftler und Informationsverarbeiter. Derzeit ist er Doktorand am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück und Referent beim Avicenna-Studienwerk.

10 Kommentare

  • Omar (7 Jahren ago) Reply

    Also, das Schema gefällt mir sehr. Ich denke auch, dass "Stille Post" nicht anwendbar ist. Allerdings kommt es ja auch immer auf die jeweilige Überlieferung an. Nur die bestbelegten Hadithe sind über mehrere Generationen mehrfach tradiert oder gar innerhalb einer Generation so gut diskutiert, wie du das veranschaulichst. Nicht umsonst sind es nur wenige Hadithe, die mutawatir sind. Also, bei einigen Hadithen - deshalb ja überhaupt der Bedarf an Überprüfung und Gegenprüfung - ist "Stille Post" nicht komplett falsch. ~my 2ct.

  • Bilal Erkin (7 Jahren ago) Reply

    Natürlich gibt es auch auch erfundene Hadithe, aber das würde den Rahmen sprengen alles zu nennen. Auch die mutawatir Eigenschaft habe ich im Seminar genannt. Wenn man sich wirklich in das Thema vertieft, dann mag dein Argument in wenigen Punkten stimmen, aber es geht hier um Kinder, die vereinfacht denken und nidhct differenzieren können, so wie wir das machen.
    Und Stille Post ist da der falsche Ansatz!

  • annett (7 Jahren ago) Reply

    da geb ich dir vollkommen recht bilal. ich sitze ja sozusagen in ähnlichen seminaren :)).
    es ist ein großes problem, mitansehen zu müssen, wieviel unkenntnis viele der studierenden haben, die islamlehrer werden wollen. es ist wichtig, die kinder zu reflexion und nachdenken anzuregen, aber nicht in der grundschule, indem man basics schon in frage stellt, bevor sie basics werden!!

  • Serdar (7 Jahren ago) Reply

    @Bilal
    Ich würde sagen, du hast ein sehr vereinfachendes Bild gewählt und auch sehr idealisierend. Du berücksichtigst nicht den Zeitfaktor, 1400 Jahre sind eine lange Zeit. Das es da zur Stillen Post kommt, ist in gewissermaßen unausweichlich, das gilt für jede menschliche Kommunikation. Ich persönlich glaube kaum, dass es wortwörtlich überlieferte Hadithe gibt. Das ist höchsten bei kurzformulierten Hadithen der Fall. Wobei ich nicht glaube, das sie alle gefälscht sind oder per se falsch sind.

    Wenn du dir die ganz Ridschâl-Literatur anschaust, dann findest du auch als Bewertungskritierium unter anderem die Zugehörigkeit zu bestimmten Schulen (jenachdem ob abwertend oder nicht) und viel Hörensagen. Sehr subjektive Einschätzungen. Die Tatsache, das einer Schiit ist oder Hanafit, wird schon gerne mal als Abwertung benutzt. Wobei das kein "objektives" Argument ist.

    Ich denke die ganze Hadithwissenschaft ist wohl auch aus diesem Umstand entstanden, das massiv gefälscht und die Lage der Überlieferungen sehr unübersichtlich wurde.

    Dein Bild der Überlieferung finde ich nicht ganz falsch, aber es berücksichtigt nicht den Umstand, das man ganze Isnad-Ketten fälschen kann, rückwirkend. Überlieferungen sind in Versionen überliefert, die sich zum Teil auch widersprechen. Welches objektives Kriterium hat man dann? Als theologisches Kriterium kann man den Koran heranziehen und postulieren, das die Inhalte der Hadithe dem Koran nicht widersprechen können/dürfen. Sowohl von der Intention als auch objektiv nicht.

    Auch verkennst du, das recht wenig Textkritik betrieben wurde, sondern der Schwerpunkt auf den Überlieferungsketten lag. Was machst du mit Überlieferungen (die es auch in Sahih Buhari gibt), die sich lückenlos lückenlos zurückverfolgen lassen aber in ihrem Matn eindeutig dem Koran widersprechen?
    Das hier dem Propheten Dinge in den Mund gelegt werden um die eigene Schule/Handlung zu legitimieren liegt auf der Hand. Viele Überlieferungen enthalten schon "Theologie", also bestimmte Auffassungen, die erst deutlich nach dem Propheten entstanden sein könnten und auf ihn zurückgeführt werden. Die klassische Hadithkritik (besonders die hanafitische) hat hier sehr sinnvolle Kritierien aufgestellt, die aber leider kaum angewendet wurden.
    Vieles von dem geschieht z.T unbewusst, ohne die Absicht großartig zu fälschen. Das man Inhalte sinngemäß überliefert oder sie mit eigenen Kommentaren auschmückt um sie begreiflicher zu machen (was dann später dazu führen kann, das man diesen Kommentar als Teil des Hadith ansieht).

    Hadith Kutsi will ich erst gar nicht erwähnen, das ist meiner Meinung nach jenseits von Gut und Böse. Aber da ist jeder anderer Meinung :)

    Das sind alles Überlegungen, auf die man kommt, wenn man etwas gesunden Menschenverstand benutzt. Etwas was eigentlich auch schon in der klassischen Hadithkritik bedacht wurde. Es gibt dort sehr sinnvolle rationale Kriterien, die kaum angewendet wurden. Man muss deswegen nicht erst orientalistische/islamwissenschaftliche Werke bemühen.
    Es würde reichen mit den heutigen Mitteln, die alten Kriterien wieder voll zur Geltung zu bringen, das muss dann aber auch wohl dazu führen einige heilige Kühe zu schlachten und den Stall auszumisten. Kurzum: Hadithwissenschaft betreiben!

  • Ibnusabil (7 Jahren ago) Reply

    Den Zeitfaktor sollte man in mehrerlei Hinsicht im Sinn behalten: Zum einen darf man mit Recht davon ausgehen, dass die Kultur mündlicher Tradierung in der Frühzeit des Islam breits so stark verwurzelt gewesen ist, dass wir zuallernächst selbstkritisch fragen sollten, inwiefern unsere Memorisierungskompetenzen im Zeitalter von digitalen Telefonbüchern, Internet und allerlei elektronischer Datenbanken mit den damaligen messen dürfen, um dann in bald folgenden Schritten Stille-Post-Vergleiche zu tätigen und diese auf 1400 Jahre auszudehnen. Zum anderen war die Kanonisierung der Überlieferungen zu einem Großteil bereits im 2 Jh. nach der Hijra abgeschlossen. Danach gab es zwar immer wieder fundierte Hadith-Kritik, diese aber fußte nicht auf auf der Grundannahme einer wie auch immer gearteten "Stillen-Post-Theorie".

    Die Hadith-Wissenschaft erfolgte daher in erster Linie nicht in Ermangelung kompetenter und aufrichtiger Tradierer, sondern aufgrund der Sorge um Falschaussagen, die dann in den Korpus eines intakten Überlieferungssystems aufgenommen und weitergegeben wären und möglicherweise auch wurden. Stille Post ist alledings nicht identisch mit falscher Post. Die Mittel der Reduktion waren unterschiedlich und können nicht einfach gleichgesetzt und zu einer einzigen Stillen-Post-Theorie deduziert werden.

    Ob die Sorge über Falschaussagen politisch motivierter Gruppen oder regional bedingter Denkschulen (etwa den Hanafiten, denen man in der formativen Phase der Rechtsschulen in der Tat aüßerst skeptisch gegenüberstand) berechtigt gewesen ist, steht daher in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Idee einer Stillen-Post.

    Wenn ein Matn mit einem anderen kollidiert, oder gar mehrere Mutun miteinander, und nicht der Isnad, dann ist die Abrogation durch den Qur'an nicht das einzige, wenn nicht gar das letzte Mittel, in der Hadithwissenschaft. Wäre dem nicht so, wäre es nie zur Diszplin des Mukhtalif al-Hadith gekommen. Ähnliches gilt in bedingter Form auch bei Kollision zu einem Nass des Quran.

    Bei allen hypothethischen oder real nachweisbaren Fehlern in der Überlieferung von Hadithen, möchte ich behaupten, dass die Hadithwissenschaft und ihre Kritieren nicht bloß in Reihen ehrenwerter hanafitischer Gelehrter theoretisch angemahnt, sondern von vielen Gelehrten rechtsschulübergreifend auch tatsächlich angewandt wurden. Nach meinem Dafürhalten müsste daher jeder bereits als authentisch klassifizierter Hadith als solcher behandelt werden, bis das Gegenteil bewiesen ist. Nicht, dass dies ausgeschlossen ist, aber das Stille-Post-Argument greift hier einfach zu kurz...

  • Bilal Erkin (7 Jahren ago) Reply

    Es wurden hier mehrere Aspekte genannt, die in islamwissenschaftlicher Hinsicht und Analyse vollkommen stimmen mögen. Es ging mir aber nicht darum, ob es falsch überlieferte oder erfundene Hadithe gibt, denn das ist ohnehin aus allen Perspektiven anzunehmen.

    Die eigentliche Problematik siedelt sich mehr in der islamischen Religionspädagogik an als in der Islamwissenschaft, geschweige denn dem eigentlich Problem der bekenntnisorientierten und theologischen Wissensvermittlung (das ist aber ein anderes Thema).
    Die Schule ist ein Ort, an dem den Kindern komplizierte Sachverhalte reduziert und vereinfacht übermittelt werden müssen, damit sie eine Basis für den späteren Diskurs und das potenzielle Ausbauen des Wissens haben.

    Ich denke nicht, dass den Kindern damit ermöglicht wird, ihre Religion aus verschiedenen Perspektiven zu reflektieren und eine Grundhaltung zum Thema zu haben, wenn von vornherein von Stille-Post die Rede ist. Diese Reduzierung und eine 1:1 Übertragung ist in der Schule völlig fehl am Platz. Man kann es unter Wissenschaftlern, Theologen und Muslimen diskutieren, aber nicht mit Kindern, die die 5. Klasse besuchen. Wenn es reduzuiert werden soll, dann mit anderen Beispielen (wie z.B. meinem Schema obwohl ich von dessen Perfektionität nicht beeindruckt bin -es kam spontan in den Sinn). Wenn das Ziel ist, den muslimischen Kindern in der Zukunft bekenntnisorientiert ihre Religion zu lehren, um potenzielle Radikalisierungen in "Hinterhofmoscheen" vorzubeugen, dann sollte das auch in Einklang mit dem Glaubensverständnis und der Akzeptanz der muslimischen Community einhergehen.

    Wenn Stille-Post Vergleiche in der Schule gemacht werden, werden die meisten Eltern NICHT damit einverstanden sein und dies wäre eines der Faktoren für das Scheitern des neuen Vorhabens.

    P.S. Ich wünsche allen von euch noch ein gesegnetes Opferfest und bedanke mich jetzt schonmal für eure aufschlussreichen Beiträge.

  • Serdar (7 Jahren ago) Reply

    @Ibnusabil
    Den Zeitfaktor sollte man in mehrerlei Hinsicht im Sinn behalten: Zum einen darf man mit Recht davon ausgehen, dass die Kultur mündlicher Tradierung in der Frühzeit des Islam breits so stark verwurzelt gewesen ist, dass wir zuallernächst selbstkritisch fragen sollten, inwiefern unsere Memorisierungskompetenzen im Zeitalter von digitalen Telefonbüchern, Internet und allerlei elektronischer Datenbanken mit den damaligen messen dürfen, um dann in bald folgenden Schritten Stille-Post-Vergleiche zu tätigen und diese auf 1400 Jahre auszudehnen. Zum anderen war die Kanonisierung der Überlieferungen zu einem Großteil bereits im 2 Jh. nach der Hijra abgeschlossen. Danach gab es zwar immer wieder fundierte Hadith-Kritik, diese aber fußte nicht auf auf der Grundannahme einer wie auch immer gearteten “Stillen-Post-Theorie”.

    Ich dehne es nicht auf 1400 Jahre aus. Diese 1400 Jahre hat es wirklich gegeben und Kommunikation findet bis heute noch statt. Das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit war in der Tat ein anderes, aber keine 1400 Jahre lang. Bis zur Kodifizierung und Verschriftlichung dürfte sich das Verhältnis umgekehrt haben, was ziemlich rasch geschehen ist mit der Ausbreitung des islamischen Herrschaftsbereich und der weiteren Entwicklung der arabischen Sprache.
    Im übrigen war die Kanonisierung keinesfalls bis zum 2. Jh nach der Hijra abgeschlossen. Denn die Überlieferungsketten haben auch danach noch exponentiell zugenommen. Was sich nur damit erklärt, das plötzlich viele "neue" Hadithe aufgetaucht sind oder Varianten davon. Das Stille-Post-Phänom dürfte hier besonders seinen Stempel aufgedrückt haben.
    Unverkennbar wurde jedenfalls ein beträchtlicher Teil der Hadithe in offen tendenziöser oder sektiererischer Absicht nachträglich verfaßt.
    Ich pflichte dir zu, das das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit ein anders war im Vergleich zur Gegenwart. Aber du projezierst auch die heutige Auffassung von wortgetreuer Überlieferung als die sicherste Quelle in die damalige Zeit. Denn das ist eine sehr moderne Auffassung. Sie dürften aufgrund ihrer Mündlichkeit kein Problem damit gehabt haben Abweichungen von Überlieferungen zuzulassen und hatten bestimmt auch nicht vor Augen, was noch passieren könnte.

    Die Hadith-Wissenschaft erfolgte daher in erster Linie nicht in Ermangelung kompetenter und aufrichtiger Tradierer, sondern aufgrund der Sorge um Falschaussagen, die dann in den Korpus eines intakten Überlieferungssystems aufgenommen und weitergegeben wären und möglicherweise auch wurden. Stille Post ist allerdings nicht identisch mit falscher Post. Die Mittel der Reduktion waren unterschiedlich und können nicht einfach gleichgesetzt und zu einer einzigen Stillen-Post-Theorie deduziert werden.

    Über einer einzigen Stillen-Post-Theorie hab ich nichts geäußert und auch keine aufgestellt, noch habe ich behauptet, das Stille-Post identisch ist mit falscher Post (wobei sie dazu werden kann). Über die Aufrichtigkeit und die Kompetenz der Tradierer habe ich auch nichts gesagt. Ich spreche von einem zwangsläufigen Phänomen, die bei so einer Zeitspanne stattfindet. Dagegen sind auch Prophetenworte nicht immun. Außer man drückt ihnen einen göttlichen Stempel auf.
    Gleichwohl will ich trotzdem behaupten, das sich in späteren Zeiten durchaus politischer Ehrgeiz und millitante Verteidigung der eigenen Sache bei der Erfindung an Abwandelung von Hadithen eine Rolle gespielt haben. Wenn man sich anschaut, was sich Gelehrte alle an den Kopf werfen um das als "objektives" Bewertungskritierium zu benutzen, spricht das Bände.

    Außerdem blendest du aus das sich das ganze mehr auf die Überprüfung der Personen, die sie tradiertenden konzentierten als auf den Inhalt der Überlieferung. Das war hauptsächlich der Maßstab für die Gültigkeit des Hadith. Dementsprechend besteht jeder einzelne Hadith aus zwei Teilen: der Überliefererkette ("A hörte von B, dieser von C, etc.") sowie dem eigentlichen Text. Eine wichtige und notwendige Textkritik hat es kaum gegeben.

    Ob die Sorge über Falschaussagen politisch motivierter Gruppen oder regional bedingter Denkschulen (etwa den Hanafiten, denen man in der formativen Phase der Rechtsschulen in der Tat aüßerst skeptisch gegenüberstand) berechtigt gewesen ist, steht daher in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Idee einer Stillen-Post.

    Das ist jetzt aber eine komische Behauptung. Ich würde sogar sagen, das war einer der Hauptgründe schlechthin, warum sich die Hadithkritik entwickelt hat. Wenn du schon selbst schreibst, das man auch Falschaussagen zuvorkommen wollte. Ein Phänomen, welches auch vorkam.

    Wenn ein Matn mit einem anderen kollidiert, oder gar mehrere Mutun miteinander, und nicht der Isnad, dann ist die Abrogation durch den Qur’an nicht das einzige, wenn nicht gar das letzte Mittel, in der Hadithwissenschaft. Wäre dem nicht so, wäre es nie zur Diszplin des Mukhtalif al-Hadith gekommen. Ähnliches gilt in bedingter Form auch bei Kollision zu einem Nass des Quran.

    Das Mittel der Abrogation durch den Koran ist leider sehr selten zur Geltung gekommen, zumal viele Überlieferungen schon selbst schon "exegetische" Elemente enthalten. Außerdem wird das ganze auch noch dadurch erschwert, das ein Widerspruch des Matn zum Koran nicht offentsichtlich sein muss. Sofern es kein krasser Widerspruch im Wortlaut ist, dürften auch dieses Mittel nicht immer zuverlässige Ergebnisse liefern. Denn Koranverse können auch interpretiert werden und das kann jenachdem welche theologische Auffassung man hat, sehr differenziert ausfallen. Trotzdem würde ich sagen, das das immer noch das beste Mittel ist, wenn es um inhaltliche Überprüfung geht.

    Was die Kollision zum Koran betrifft, da sind wir uns ja einig, was den Vorrang hat. Aber die Wirklichkeit sieht doch etwas anders aus. Wenn man strikt davon ausgeht, das alles was in Sahih Buhari geschrieben steht per se richtig ist, dann wird man auch die Kollision mit dem Koran rechtfertigen oder sogar in Kauf nehmen. Was ja auch passiert. Dann wird einfach ein Hadith "interpretiert", im türkischen würde man sagen "kitabina uydurmak". Es wird tawil gemacht. Denn wie willst du dir dann die vielen Hadithe erklären die in den Hadithkollektionen stehen und für authentisch eracht werden, obwohl sie nach den Kritierien die auch schilderst schon längst ausgesiebt hätten sollen?
    Es gibt auch das Mittel einen Hadith nachträglich durch einen Konsens (icma) für "authentisch" zu erklären, der es vorher nicht war. Was ein sehr merkwürdiges erkenntnistheoretisches Kritierium ist. Und das einfach dadurch, weil es einen Konsens gibt. "Wahrheit" durch "Mehrheit".

    Bei allen hypothethischen oder real nachweisbaren Fehlern in der Überlieferung von Hadithen, möchte ich behaupten, dass die Hadithwissenschaft und ihre Kritieren nicht bloß in Reihen ehrenwerter hanafitischer Gelehrter theoretisch angemahnt, sondern von vielen Gelehrten rechtsschulübergreifend auch tatsächlich angewandt wurden.

    Ich würde sogar sagen, 99 % der Hadithliteratur kommt von Schafiiten. Ehrenwertigkeit oder nicht. Das will ich nicht Absprechen, aber für eine wissenschaftliche (also auch aus islamisch-theologischer Sicht) Auseinandersetzung kann man sich nicht darauf verlassen. Das ist auch kein "objektives" Kritierium.
    Wenn man sieht mit welcher Akribi viele Gelehrte Hadithe gesammelt haben kann man Respekt bekommen, aber auch ihre Erzeugnisse müssen Kriterien standhalten und ich glaube, sie wären die letzten gewesen, das man ihre Ergebnisse immunisiert oder keiner Bewertung unterzieht. Die Hadithkritik hat nicht im 2. Jh. der Hidschra aufgehört, sie geht noch weiter.

    Nach meinem Dafürhalten müsste daher jeder bereits als authentisch klassifizierter Hadith als solcher behandelt werden, bis das Gegenteil bewiesen ist. Nicht, dass dies ausgeschlossen ist, aber das Stille-Post-Argument greift hier einfach zu kurz…

    Das klingt ein bischen nach jeder ist Schuldig bis die Unschuld bewiesen ist. Ne Scherz beiseite, aber du setzt das zu Beweisende (nämlich die Authentizität) bereits als Prämisse schon vorraus. Sogar wenn wir akzeptieren würden, wie du sagst, das erstmal jeder "authentischer" Hadith als authentisch zu gelten hat (als Arbeitshypothese kann man das machen), würde das in der Praxis keine Rolle spielen. Denn es spricht nichts dagegen auch solche Hadithe zu überprüfen. Ein offentsichtlich falscher Hadith mit (aufgrund seines Inhalts) der mit voller Überlieferungskette in den kanonisierten Hadithkollektionen steht, braucht nicht lange analyisert zu werden. Mit ein büschen Verstand kann man das auch.

    Was ich eigentlich noch anmerken möchte ist, das nicht die Instrumente der Hadithkritik falsch oder überholt sind. Es gibt zum Teil ein krasses Anwendungsdefizit der Kritierien und eine fehlende standardisierte Methodologie. Mit den heutigen Mitteln und Kommunikationstechnologie lässt sich das viel besser bewerkstelligen.
    Wie du auch sagt, ist Stille-Post-Phänomen nicht identisch mit falscher Post. Aber das führt zum Ergebniss (zumindest bei mir persönlich), das die Hadithe dem Sinn nach überliefert sind. 100 % Sicherheit können wir nicht haben, das geht nur, wenn wir eine Zeitmaschine hätten. Wir können nur von Wahrscheinlichkeiten sprechen, das heißt bei mir Authentisch.

  • Serdar (7 Jahren ago) Reply

    @Bilal

    Die eigentliche Problematik siedelt sich mehr in der islamischen Religionspädagogik an als in der Islamwissenschaft, geschweige denn dem eigentlich Problem der bekenntnisorientierten und theologischen Wissensvermittlung (das ist aber ein anderes Thema).
    Die Schule ist ein Ort, an dem den Kindern komplizierte Sachverhalte reduziert und vereinfacht übermittelt werden müssen, damit sie eine Basis für den späteren Diskurs und das potenzielle Ausbauen des Wissens haben.

    Du ich will da eigentlich gar nichts groß sagen. Pädagogik ist ne Kunst. Ich bin da völlig inkompetent, auch wenn ich selbst unterrichte. Ich habe einen riesen Respekt vor Lehrern und Pädagogen, die das ganze spekulative Material der Wissenschaft auch noch vermitteln müssen. Besonders die vielen heiklen Themen der islamischen Theologie und Geschichte.
    Für Deutschland ist das noch wichtiger und viel problematischer.

    Sogar in der Universität werden Erstsemester mit Dingen konfronitert, die sie aus der Bahn werfen. Ich nehme mal das Phänomen kennst du auch. Muslime, die ihre Wissensvermittlung durch Moscheegemeinden oder populäre religiöse Literatur vermittelt bekommen haben, sind sehr schnell ernüchtert oder verunsichert, wenn ihnen dann die islamische Geschichte in voller Breitseite vermittelt wird. Was in der populären Literatur als Uneinigkeit zwischen Gelehrten oder Sahabis beschrieben wird, ist dann oft doch mehr.

    Ich denke für Religionspädgogen ist nicht nur die Vermittlung (und Verkündigung) eine Aufgabe, sie müssen wohl auch bestimmte schon vorhandene Auffassungen korrigieren, besonders welche die im Volksglauben vorkommen. Was die ganze Sache etwas noch erschwert.

    Und alles was ich und die anderen jetzt über Hadith geschrieben haben, sollte natürlich Kindern nicht einfach so präsentiert werden. Davor würde ich mich hüten. Wie und in welchem Jahrgang, das müssen dann die Religionspädagogen machen. Die Expertise ich nicht. Aber es sollte doch so vermittelt werden, das sie irgendwann bereit sind das alles aufzunehmen und auch zu diskutieren.

    Ich fände es fatal, Kindern und Jugendlichen falsche und verzerrte Dinge zu erzählen, nur um sie von solchen spekulativen Dingen zu bewahren. Es wird nämlich viel schwieriger werden, das auszumerzen als ihnen neue richtigere Informationen zu geben.

    PS: Euch allen عيد مبارك

  • Serdar (7 Jahren ago) Reply

    Komisch meine Antwort auf Ibnusabil ist gar nicht da.

  • Bilal Erkin (7 Jahren ago) Reply

    Es war als Spam erkannt, warum auch immer.
    Habs nuun freigeschaltet

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