„Herzlichen Glückwunsch! Jetzt sind Sie vollständig integriert“

Nach einem anstrengenden Marathonlauf zwischen türkischem Konsulat und  dem Einbürgerungsbüro stehe ich kurz vor dem Ziel. Ich bin bewaffnet mit den letzten Unterlagen zur Einbürgerung in die Bundesrepublik Deutschland. Heute soll meine Akte vervollständigt und mit einer Einbürgerungsurkunde ausgezeichnet werden. Nach langem Warten, werde ich endlich den Batzen Papiere in meinen Händen los. Obendrauf liegt mein durchlöcherter türkischer Reisepass, mit einem rot umrandeten „UNGÜLTIG“ Stempel auf jeder Doppelseite.

Bevor wir zur Urkunde kommen, müssen sie etwas vorlesen. Das muss jeder bevor ich ihn zum deutschen Staatsbürger erklären kann. L a u t und d e u t l i c h“ bittet mich die Beamtin. Ich lese laut und deutlich -wohl gemerkt- einen kurzen Text vor, indem ich mich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung des Grundgesetztes bekenne. „Sehr schön“ lobt mich die Dame. Dann holt sie mit äußerster Vorsicht meine Einbürgerungsurkunde aus der Klarsichtfolie. Ich bin bereit sie entgegenzunehmen. Nein! Wäre doch viel zu einfach! Anstatt mir die Urkunde zu überreichen, wird sie gegen die Richtung des Lichtes im Zimmer gehalten: „Sehen Sie, das ist ein besonderes Papier“. Ich erkenne kleine, durchschimmernde schwarze Adler. Ich nicke und lächele. Aber nicht unbedingt aus Begeisterung. Eher aus Verwirrung.

Genauso penibel schiebt sie die Urkunde dann wieder in die Klarsichtfolie. Irritiert beobachte ich  die Dame und mir wird irgendwie unheimlich. Plötzlich steht sie  auf. Die eine Hand hält die Urkunde, die andere wird mir entgegen gestreckt.  „Oh Gott, was kommt denn jetzt…“ bevor dieser Gedanke zu Ende geführt werden kann unterbricht ihn ein „Herzlichen Glückwunsch! Jetzt sind Sie vollständig integriert“.

Ich kann kein Wort rausbringen.  Ich nehme die Urkunde entgegen und gebe der Dame meine Hand.  Stillschweigend setzte ich mich wieder auf den Stuhl. In mir schreit eine Stimme“ sag was, sag was….!!!!“ Aber ich kann nicht.  Ich bin schockiert. Ich atme erst mal tief durch. Noch nie zuvor wurde ich mit dem Wort „integriert“ in einem positiven oder negativen Kontext konfrontiert. Für mich ist klar, dass ich, wie meine Freunde Maren oder Laura, von Anfang an Teil dieser Gesellschaft war und immer noch bin. Wieso sollte ich mich in meine eigene Gesellschaft integrieren? Paradox. Der ein oder andere mag  nichts an der Aussage der Dame auszusetzten zu haben. Kein Wunder! Wir leben in einer Zeit in der Bambis und Medaillen für gelungene Integration vergeben werden. Eine große Demütigung, für mich jedenfalls.  Warum kann man es nicht einfach komplett sein lassen mit dem „integriert“ oder „nicht-integriert“  Stempel? Man zerstört mehr durch dieses Schubladendenken als das man etwas schafft.

Ein anonymer Gastbeitrag

Bilal Erkin, M.A. 57 posts

Bilal Erkin ist studierter Islamwissenschaftler und Informationsverarbeiter. Derzeit ist er Doktorand am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück und Referent beim Avicenna-Studienwerk.

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