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Überarbeitungen in „Islam ist Barmherzigkeit“

Wie einige von euch vielleicht mitbekommen haben, gibt es seit einigen Monaten eine überarbeitete Version des Buches „Islam ist Barmherzigkeit“ von Prof. Dr. Mouhanad Khorchide.

Ich habe mir die Frage gestellt, welche Stellen im Buch „überarbeitet“ worden sind. Um der Debatte die notwendige Transparenz zu ermöglichen, habe ich die wichtigsten Überarbeitungen zusamengefasst. Damit kann eine fundierte Meinung über die Thesen von Herrn Khorchide gebildet werden.

 

Wichtige Überarbeitungen im Buch

rot – Entfernungen | blau – Hinzufügungen

 

S. 42

Während also der Koran es kategorisch ablehnt, Traditionen unhinterfragt zu übernehmen, erleben wir in der gegenwärtigen islamischen Welt eine Überbewertung von tradierten Lehrmeinungen, die eine eigene Autorität erlangt haben, die manchmal über die des Koran gestellt wird. Und so stehen wir Muslime uns selbst im Wege, auch wenn wir glauben, auf diese Weise unsere Gelehrten zu ehren. Es ist üblich, wenn theologisch argumentiert wird, dass nicht die eigentlichen, rational nachvollziehbaren Argumente gelten, sondern tradierte Lehrmeinungen von Gelehrten. Meist handelt es sich um Gelehrte des achten und neunten Jahr­hunderts. von Gelehrten. Meist handelt es sich um Gelehrte des achten und neunten Jahrhunderts. Damit will ich keineswegs die tradierte Meinung der muslimischen Gelehrten abwerten, sondern dazu ermutigen, diese nicht unhinterfragt hinzunehmen, sondern kritisch zu überprüfen. Muslime sollten ihre Tradition ernst nehmen, das ist keine Frage. Die eigene Tradition ernst nehmen, bedeutet allerdings, sie nicht einfach unhinterfragt hinzunehmen, sondern diese fortzudenken. Die Frage müsste daher lauten: Was würden die Gelehrten des neunten Jahrhunderts heute an Lehrmeinungen entwickeln, würden sie in unserem heutigen Kontext leben?

 

S. 48

Für Asch῾ariten bedeutet »Gerechtigkeit Gottes«, dass Gott mit seinem Eigentum tut oder lässt, was und wie er will. Die Mu῾taziliten widersprachen auch dieser Vorstellung vehement. Für sie ist Gott gerecht, im Sinne unseres Verständnisses von Gerechtigkeit, er kann nicht anders als gerecht handeln, sodass der Ausgang des Gerichtstags ausschließlich von den Handlungen des Menschen abhängt. Wer Gutes tut, wird dafür belohnt, und wer Schlechtes tut, wird dafür bestraft.

 

S. 50

Die Hölle ist demnach kein bloßer Ort der Bestrafung oder der, an dem Gott Rache Gottes, sondern steht an dem Menschen nimmt, vielmehr ist sie ein Ort des Leidens, der symbolisch für das
Leid und die Qualen, die der Mensch im Laufe dieses Transformationsprozesses erlebt, steht.

 

S. 55 ff.

Der Koran hat den Anspruch, nicht nur die Araber des siebten Jahrhunderts anzusprechen, sondern auch Menschen anderer Sprachen und Kulturen, Menschen unterschiedlicher Zeiten und Epochen und mit unterschiedlichen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten. Wenn Muslime diesem koranischen Anspruch nach Allgemeingültigkeit Rechnung tragen wollen, müssen sie seine Bildlichkeit historisch kontextualisieren, um die durch diese Bilder transportierten, übergeordneten Prinzipien und Aussagen zu erkennen. Zu diesen Bildern vom Paradies und Hölle sagt schon al-Ġazālī: »Wisse: Das Diesseits gehört zur Erdenwelt und zur Welt der Sichtbarkeit, das Jenseits zur Welt des übersinnlichen und zur Wesenswelt. Unter dem Diesseits verstehe ich deinen Zustand vor dem Tod, unter dem Jenseits deinen Zustand nach dem Tod […]. Wir sprechen jetzt vom Diesseits aus über das Jenseits, wir sprechen also jetzt im Diesseits, der Erdenwelt, haben aber die Erklärung des Jenseits, der Wesenswelt im Auge. Doch ist es undenkbar, dass man die Wesenswelt in der Erdenwelt anders erklären könnte als durch Gleichnisse. Darum sprach Gott: ›Das sind die Gleichnisse, die wir den Menschen prägen. Nur die Wissenden verstehen sie‹ (Sure 29,43). Die Erdenwelt ist nämlich im Verhältnis zur Wesenswelt ein Schlaf. Daher hat der Prophet gesagt: ›Die Menschen schlafen. Wenn sie sterben, wachen sie auf.‹ Was im Wachzustand sein wird, kann dir im Schlaf nur durch die Prägung von Gleichnissen, die einer Deutung bedürfen, erkennbar werden […]. Den Propheten steht es nicht zu, mit den Menschen anders zu reden als in Gleichnissen, denn sie haben den Auftrag, mit den Menschen dem Vermögen ihres Verstandes entsprechend zu reden. Das Vermögen ihres Verstandes ist, dass sie schlafen, dem Schlafenden aber alles nur im Gleichnis enthüllt wird.«

Der Versuch, das Jenseits als Ort der Vervollkommnung und Transformation des Menschen zu verstehen, soll keineswegs das wortwörtliche Verständnis von Paradies und Hölle als von tatsächlich existierenden Orten ersetzen, sondern denjenigen ein weiteres Interpretationsangebot bieten, die nicht aus Angst vor einer Bestrafung bzw. Hoffnung auf eine Belohnung Gutes tun wollen und das Schlechte vermeiden, sondern, die bestrebt sind, sich in ihrem Menschsein zu vervollkommnen und selbstlos Gutes zu tun Eine Lesart des Jenseits als Ort der Transformation macht den Menschen ein Angebot, Gott nicht als Richter zu erfahren, sondern ihn in seiner vollkommenen Barmherzigkeit zu erkennen. Wer sich aber nur dann bzw. besser in der Lage sieht, das Gute zu tun und sich vom Bösen abzuwenden, wenn er sich von einer jenseitigen Strafe bedroht fühlt bzw. auf eine Belohnung im Sinne materieller Vergnügung hofft, dem steht das andere Angebot, das Paradies und die Hölle als tatsächlich existierende Orte im materiellen Sinne zu verstehen, nach wie vor offen. Dazu merkt al-Ġazālī an: »Wer nun aber um des Paradieses willen handelt, der handelt seines Bauches und seiner Genitalien wegen wie ein schlechter Lohnarbeiter. Er steht auch der Stufe der geistig Beschränkten (bulh), und diese wird ihm auch für sein Handeln zuteil werden […]. Die Pflichterfüllung der Einsichtigen hingegen bezweckt nichts anderes als Gottes ›zu gedenken‹ (ḏikr) und in ihn ›sich zu versenken‹ ( fikr) aus Liebe zu seiner Vollkommenheit und Hoheit, die übrigen Betätigungen dienen nur als Bekräftigung oder als Folge. Diese stehen auf einer höheren Stufe als daß sie auf die geschlechtlichen Dinge und die Gaumengenüsse des Paradieses ausgingen. Nicht nach diesen streben sie, sondern sie ›rufen ihren Herrn an früh und spät, verlangend sein Antlitz‹ allein. Die Belohnung der Menschen entspricht aber ihren Intentionen.«

 

S. 57

Einer der bekanntesten Gelehrten der islamischen Tradition, Ibn Qayyim al-Ǧawziyya (gest. 1350 n. Chr.), war ebenfalls der Auffassung, dass der Aufenthalt in der Hölle keineswegs ewig sei, irgendwann würde sie leer werden. Menschen ewig in der Hölle verweilen zu lassen, würde Gottes Barmherzigkeit widersprechen, so das Argument von Ibn Qayyim al-Ǧawziyya. Dieses Verständnis wird Gott gerecht, denn Barmherzigkeit ist sein Wesensattribut; wenn er jedoch Qualen zulässt, die im Koran durch das Höllenfeuer symbolisiert werden, dann tut er dies nicht, weil es zu seinem Wesen gehört. Er möchte, dass sich die Menschen in Freiheit vervollkommnen, um sie letztendlich in seine Liebe und Barmherzigkeit und in seine Gemeinschaft aufzunehmen.

 

S. 58

Die Hölle ist nichts anderes als der Zustand, in dem sich derjenige befindet, der Nein zu Liebe und Barmherzigkeit sagt, der Nein zur Gottesgemeinschaft sagt. So sagt der Prophet: »Nur derjenige kommt nicht ins Paradies, der sich weigert.« Die endgültige Glückseligkeit (den wahren paradiesische Zustand) sieht al-Ġazālī in der Nähe zu Gott, das Gelangen in seine Gegenwart: »Die
jenseitige Seligkeit besteht nämlich in der Nähe zu Gott und im Schauen auf sein Antlitz.« Hingegen sei der wahre Zustand der Hölle die Trennung von Gott. Al-Ġazālī spricht vom »Feuer der Trennung«.
Die Hölle als Zustand beginnt schon hier auf der Erde, wenn sich der Mensch für Hass und Hochmut und gegen Liebe und Barmherzigkeit entscheidet. Auch der Zustand der Glückseligkeit beginnt hier auf der Erde. So sagt der Koran: »Wer Gutes tut und gläubig ist [die Liebe und Barmherzigkeit Gottes angenommen hat], sei es Mann oder Frau, dem werden wir ein gutes Leben geben [im Diesseits] und wir werden sie nach ihren besten Werken belohnen [im Jenseits].«

 

S.60

Üblicherweise antwortet ein Muslim, der nach seinem endgültigen Ziel gefragt wird: »Dem Höllenfeuer zu entkommen und für immer ins Paradies zu kommen«. Wobei das Paradies meist im materiellen Sinne als Ort körperlicher Vergnügung aufgefasst wird. Dieser Wunsch findet seinen Ausdruck in den Bittgebeten vieler Menschen. Muslime kennen das Paradies und die Hölle nur durch die Aussagen des Koran. Der Koran beschreibt beide – wie oben dargestellt – als Orte der materiellen Belohnung bzw. materiellen Bestrafung.

 

S. 62

Das Gute zu tun, um letztendlich Profit für sich selbst herauszuschlagen – wenn auch erst im Jenseits –, ist egoistische Selbstliebe. Al-Ġazālī kritisiert diese Haltung, wie bereits angeführt, sehr scharf, dem Gläubigen solle es nicht um materielle Vergnügung im Paradies gehen, sondern um die Sehnsucht nach dem Antlitz Gottes.

 

S. 68

Ein guter Mensch, der seine Vollkommenheit anstrebt, wünscht allen Menschen, unabhängig davon, ob sie seiner Meinung sind oder nicht, die ewige Glückseligkeit und schließt sie in seine Gebete ein. Er würde sich sogar freuen, wenn er wüsste, dass Gott sich auch der Sündigen am Ende erbarmen würde, ja, dass Gott sich sogar derer, die ungewollt nicht an ihn geglaubt haben, weil sie entweder nichts oder nur ein verzerrtes Bild von ihm mitbekommen haben, am Ende erbarmen würde. Eine gesunde Seele, die mit göttlicher Liebe und Barmherzigkeit erfüllt ist, würde sich dies unbedingt wünschen.

 

Kapitel 2.9 (komplett neu geschrieben)

2.9 Die Gerechtigkeit Gottes ist Teil seiner Barmherzigkeit

 

S. 71

Würde man die Zeit-Dimension außerhalb von Gott lokalisieren wollen, müsste man eine Grenze definieren, wo bzw. wann Gott aufhört, damit etwas anderes, das außerhalb von ihm ist, beginnen kann. Diese panentheistische Vorstellung unterscheidet sich von einer pantheistischen. Der Pan­entheismus drückt aus, dass die Welt zwar in Gott enthalten Im Pantheismus sind Gott und Welt identisch. Dem Panentheismus zufolge dagegen ist  die Welt in  Gott aber umfassender erhalten, der demnach also mehr ist als die Welt gedacht wird.. Gott und Welt sind hierbei, anders als beim Pantheismus, aus­drücklich im Panentheismus nicht identisch. Der Panentheismus steht so In Bezug auf die Frage, ob Gott außerhalb der Welt zu denken ist (Transzendenz) oder in der Mitte zwischen Welt (Immanenz), ist der Pantheismus (Immanenz Gottes in der Welt) und Theismus (Transzendenz Gottes zur Welt). in der Mitte positioniert.

 

S. 72

Nur die Offenbarung dieser Barmherzigkeit, die Offenbarung Gottes selbst, seine Selbstmitteilung, bedarf eines Gegenübers, das in der Lage ist, sie in der Zeitlichkeit zu erfahren, damit sich die göttliche Intention, Mitliebende zu gewinnen, verwirklichen kann. Denn Barmherzigkeit bedeutet nichts anderes als die bedingungslose Zuwendung Gottes dem Menschen gegenüber. Die Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes kann sich nur in Beziehung zur Schöpfung verwirklichen.

 

S. 73

Viele Muslime projizieren ihre Vorstellung von einem mächtigen Familienoberhaupt oder von einem archaischen Stammesvater, dem man unhinterfragt gehorchen und sich unterwerfen muss, auf ihre Vorstellung von Gott. Demnach gestaltet sich die Gott-Mensch-Beziehung als Beziehung zwischen einem Herrn und seinem Knecht, wie wir uns eine Herr-Knecht-Beziehung vorstellen; einen Knecht, der keine Freiheit besitzt und lediglich wie eine Marionette Anweisungen seines Herren ausführt. Der Herr braucht seinen Knecht, er ist auf seine Dienste angewiesen, um seine Herrlichkeit genießen zu können.

 

S. 74

Die Beziehung des Menschen zu Gott wird auf eine Dimension reduziert, nämlich die des Gehorsams. Gehorsame werden für ihren Gehorsam belohnt, Ungehorsame entsprechend bestraft. Diese Perspektive impliziert, dass es Gott um sich selbst geht, also um blinden Gehorsam ihm gegenüber. Die Fähigkeit des Menschen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, Gotteserfahrungen zu machen und diese zu reflektieren, eine individuelle Beziehung zu Gott aufzubauen, eine eigene Religiosität zu entwickeln und diese selbst zu verantworten, für sich selbst zu entscheiden, wie er sein Leben entwerfen und auf Gott individuell ausrichten sowie eine aufrichtige Beziehung zu ihm aufbauen will – all das wird ignoriert und unterdrückt.

 

S. 75

Viele Gelehrte, aber auch viele Religionskritiker spielen Gott gegen die Vernunft aus.

[…]

Denken wir allerdings Gott als zornig, weil er nicht zu Genüge geehrt wird, dann denken wir Gott nicht als vollkommen. Es gibt einen größeren Gott als diesen: einen, dem es eben nicht um sich selbst, sondern um den Menschen geht. Der bekannte persische Mystiker Rumi bringt dies folgendermaßen durch die Worte Gottes zum Ausdruck: »Ich habe nicht befohlen (den Gottesdienst),
damit ich irgendeinen Profit daraus erziele, sondern um meinen Dienern Güte zukommen zu lassen.«

 

S. 78

Freiheit ist dann gegeben, wenn man sich für sein Ziel entscheiden und es verwirklichen kann. Wenn der Mensch seine fiṭra verwirklichen kann, in dem Sinne, dass er sein Leben auf Gott, auf Liebe und Barmherzigkeit, ausrichten kann, dann ist seine Freiheit gegeben.

 

S. 80

Solche Eingebungen beschränken sich nicht auf Propheten, denn auch der Mutter von Moses wurde eingegeben, obwohl sie keine Prophetin war. Solche und ähnliche Erzählungen im Koran wollen uns Menschen auf die göttliche Stimme in uns, die uns immer wieder Mut und Hoffnung machen will, aufmerksam machen. Göttliche Eingebungen betreffen jeden Menschen zu jeder Zeit.

 

S. 82

Die Mu῾taziliten gelten als rationalistische Schule im Islam. Sie vertraten die Ansicht, dass der Mensch durch seine Vernunft erkennen könne, was gut und was schlecht ist. Dazu brauche er weder Propheten noch eine Mitteilung von Gott. Diese erinnerten den Menschen lediglich an das, was er ohnehin schon wisse oder zumindest wissen sollte. Diese Position wurde übrigens auch von den Maturiditen (genannt nach dem Gelehrten al-Māturīdī gest. 941 n. Chr.) vertreten.

[…]

Sucht man z. B. koranische Aussagen, warum Gott Menschen Propheten und Schriften geschickt hat, liest man folgendes: »Gott ist es, der den Menschen einen Gesandten aus ihrer Mitte geschickt hat, um ihnen seine Verse vorzutragen, sie zu läutern [vervollkommnen] und sie die Schrift und die Weisheit zu lehren.« Diese Aussage wiederholt sich in der dritten Sure, Vers 164. Es geht also um die Läuterung des Menschen, um seine Vervollkommnung, um das Göttliche in ihm hervorzuheben.

 

S. 87

Das ist auch der Grund, warum der Koran von einem einzigen Glauben spricht, den er »Islam« nennt: »Die Religion bei Gott ist der Islam.« Er meint nicht das, was wir heute als Islam bezeichnen: die Religion, die im siebten Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel von Muhammad verkündet wurde. Vielmehr meint er mit Islam, sein Leben auf Gott hin ausrichten, also die Annahme von Gottes Liebe und Barmherzigkeit und deren Verwirklichung im Handeln, sowohl gegenüber den Mitmenschen als auch gegenüber Gottes Schöpfung.

 

S. 88

Die Verwirklichung von Gottes Liebe und Barmherzigkeit auf der Erde verliert ihre zentrale Bedeutung, wenn wir den Islam alleine auf Glaubenssätze oder auf das Glaubensbekenntnis reduzieren. Nach der oben dargestellten Definition des Islam ist jeder, der sich zu göttlicher Liebe und Barmherzigkeit bekennt und dies durch sein Handeln bezeugt, ein Muslim. Die islamische Tradition bekennt sich seit eh und je zum koranischen Grundsatz, dass jeder Mensch als Muslim geboren ist. Deshalb gibt es im Islam auch kein bestimmtes Ritual für Kinder, das sie ab einem bestimmten Alter vollziehen müssen, um in den Islam einzutreten. Sie sind Muslime, solange sie sich nicht bewusst gegen den Islam entscheiden. Der Koran bezeichnet den Islam daher als Veranlagung: »So richte dein Angesicht auf die Religion im reinen Glauben, getreu der Natur [arab.: fiṭra], in welcher Gott die Menschen erschaffen hat! Nicht zu verändern ist die Erschaffung Gottes. Dies ist die Religion, die gerade. Aber die meisten Menschen wissen nicht.« Und: »Die Religion bei Gott ist der Islam.« Dass jeder Mensch als Muslim geboren wird, wird im Koran begründet: »Und als dein Herr aus den Kindern Adams, aus ihren Lenden, ihre Nachkommen nahm und sie zeugen ließ sich selbst gegenüber: ›Bin Ich nicht euer Herr?‹, sagten sie: ›Ja, wir bezeugen es.‹« Nach islamischem Glauben hat schon vor Erschaffung der Menschen jede menschliche Seele vor Gott bezeugt, dass sie an Gott glaubt, weshalb jeder Mensch schon als Muslim geboren wird und in diesem Zustand bleibt, bis er sich bewusst gegen den Glauben an den einen Gott stellt. Auch der Prophet Muhammad bekräftigte dies in seiner Aussage: »Jedes Neugeborene wird entsprechend der ›Fiṭra‹ [die Veranlagung an Gott zu glauben] geboren«. Buḫārī betitelt das Kapitel, in dem dieser Hadith angeführt wird mit »Gottes Schöpfung ist nicht zu verändern«, um genau auf die Tatsache im Koran hinzuweisen, dass jeder als Muslim geboren wird. Nach Ibn Taymiyya »ist dem Menschen maḥabbat Allāh (Liebe zu Gott) von der Schöpfung her mitgegeben worden: ›Gott hat die Natur des Menschen auf die Gottausgerichtetheit, d. h. auf die Lehre Abrahams (ḥanīf) geprägt, deren Fundament die Liebe zu Gott ist.‹ ›Es kann daher kein Anbeten geben außer aus der Liebe zu dem Angebeteten.‹« Nun gibt es Menschen, die Gott ablehnen, weil sie nichts von ihm gehört bzw. nur ein verzerrtes Bild von ihm haben. Diese sind keine Leugner, denn das, was sie leugnen, ist nicht Gott, ist nicht der Islam. Ihnen muss Hoffnung gemacht werden, dass sie im Grunde potenzielle Zugehörige zur Gemeinschaft Gottes sind, denn ihre ablehnende Haltung dem Gottglauben gegenüber stammt nicht aus bewusstem Leugnen, sondern aus Nichtüberzeugung bzw. Unwissenheit. Wir dürfen also Menschen keineswegs verdammen, nur weil sie meinen, an Gott nicht zu glauben, da sie womöglich nach der fiṭra leben, jedoch nie von Gott gehört haben bzw. nur in einer verzerrten Form, sodass sie eigentlich nicht Gott ablehnen, sondern das, was sie denken, was Gott sei. Es reicht nicht, einfach irgendetwas von Gott bzw. vom Islam gehört zu haben, um dann zu erwarten, daran zu glauben, denn der Koran spricht davon, dass der Prophet so zu verkünden hat, dass sein Wissen mit dem Wissen seiner Adressaten, zu denen er die Verkündung bringt, auf selber Stufe steht. Wem die Wahrheit ersichtlich ist und wer diese jedoch trotzdem verleugnet, der ist ein kāfir, ein Leugner. Ansonsten wäre es unvereinbar mit der Barmherzigkeit Gottes, Menschen in der Hölle zu bestrafen, nur weil sie keinen Zugang zum objektiven
Verstehen des Glaubens hatten, ihnen keine oder keine ausreichenden bzw. verzerrte Informationen zur Verfügung standen. Diese Problematik war den muslimischen Gelehrten bewusst, sie haben sie unter der Frage nach dem Ausgang für die sogenannten »ahlu l-fatra« behandelt, Menschen also, die keine Verkündung erreicht hat. Dabei besteht ein Konsens darüber, dass diese Menschen keineswegs bestraft werden, denn: »Wir [Gott] bestrafen nicht, ohne einen Gesandten geschickt zu haben.«
Liebe und Barmherzigkeit bekennt und dies durch sein Handeln bezeugt, ein Muslim, auch wenn er nicht an Gott glaubt, denn Gott geht es nicht um die Überschriften »gläubig« oder »nichtgläubig«. Gott sucht nach Menschen, durch die er seine Intention, Liebe und Barmher­zigkeit Die Intention sollte sein, das Tor zu Gott offen zu halten, und zwar für alle Menschen, und ihnen das Angebot Gottes auf schönster Weise zu unterbreiten, auch wenn er nicht bewusst an Gott glaubt, denn Gott sucht nach Menschen, durch die er seine Intention, Liebe und Barmherzigkeit, verwirklichen kann; Menschen, die bereit sind, seine Angebote anzunehmen und zu verwirklichen. Und umgekehrt ist jeder, der lediglich mit der Zunge meint, an Gott zu glauben, jedoch Liebe und Barmherzigkeit nicht durch sein Handeln bezeugt, kein Muslim.

[…]

Islam im allgemeinen Sinne ist der Kern aller Religionen, die zu Liebe und Barmherzigkeit rufen; dies ist mit dem »rechten Weg« gemeint: Sein Leben auf Gott hin ausrichten.

 

S. 89

Man kann also sagen, dass gerade die fünf Säulen des Islam (Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten, soziale Abgabe und Pilgerfahrt) die identitätsstiftenden Merkmale für den Islam im spezifischen Sinne sind. Diese Elemente sind jedoch keineswegs als Selbstzweck zu verstehen. Sie alle dienen dem höchsten Ziel: nämlich der ethischen und spirituellen Vervollkommnung des Menschen, damit er möglichst viel Liebe und Barmherzigkeit wirkt und damit letztendlich möglichst viel von der göttlichen Intention verwirklicht, denn, wie schon gesagt, je vollkommener der Mensch ist, desto stärker wirkt Gott durch ihn.

 

S. 91

Gerade Salafisten und andere Fundamentalisten und Extremisten, die im Namen ihres Glaubens Hass und Unfrieden auf Erden verbreiten, sind nichts anderes als käfirün, bezeugen dadurch ihre Ablehnung von Gottes Liebe und Barmherzigkeit.

 

S. 100

Dass Adam »alle Dinge« nennen konnte, steht für die Vernunft, die den Menschen auszeichnet. Jeder, der den Menschen, seine Würde, seine Freiheit und seine Vernunft nicht achtet, ist ein »Iblīs«, ein kāfir, auch wenn er an Gott glaubt und ihn anbetet, denn er leugnet das Hauptprojekt Gottes und was dieses ausmacht.

 

S. 115 f.

Religiöse Rituale sollen uns dabei unterstützen, die göttlichen Intentionen zu verwirklichen. Sie sind zugleich ein Medium des Rückzugs, um in Zweisamkeit mit Gott zu versinken: »Wirf dich nieder [im Gebet] und nahe dich.«

 

S. 116

Das eigentliche Anliegen des Islam ist, dass der Mensch sich vervollkommne, sowohl als Individuum als auch als Gesellschaft, um die Gemeinschaft Gottes zu erlangen.

 

S. 117

Nach Kant ist nur der frei, der sich bewusst pflichtgemäß aus innerer Verpflichtung, also moralisch verhält.

 

S. 129

Die medinensischen Aussagen im Koran, die auf die juristische Regelung einer Gesellschaftsordnung abzielen, sind für uns heute insoweit wichtig, als
sie uns aufzeigen, dass Religiosität sich nicht auf ein lediglich theoretisches Wissen über Gott und über die Prinzipien der Gerechtigkeit und Freiheit
beschränkt, sondern vom Menschen verlangt, aktiv an seiner Gesellschaft zu partizipieren und einen Beitrag für die Gesell­schaftsordnung Schaffung einer gerechten Gesellschaftsordnung zu leisten.

 

S. 133

Als Prophet wird er hauptsächlich wegen irdischer Angelegenheiten angesprochen, die mit der Verkündigung nichts zu tun haben, z. B. im Zusammenhang mit seinen Frauen: »O Prophet! Sprich zu deinen Frauen: ›Falls ihr das irdische Leben mit seinen Reizen begehrt, dann kommt, ich statte euch aus und ich lasse mich in Frieden von euch scheiden.‹«

 

S. 134

Die Aufgabe des Gesandten ist nur zu verkünden, keineswegs jedoch, die Menschen dazu zu zwingen, sie anzunehmen: »Wer dem Gesandten gehorcht, der gehorcht Gott, doch wer ihm den Rücken kehrt, so haben Wir dich nicht als ihren Aufpasser entsandt« ist es seine Sache«,, denn »der Gesandte hat lediglich zu verkünden die Botschaft auszurichten

 

S. 142

Salafisten lehnen die Menschenrechte ab, weil sie nicht den juristischen Maßnahmen aus der medinensischen Phase (622–632 n. Chr.) entsprechen. Auch das scheinbar gemäßigte Argument einiger Muslime, die Scharia solle nur dann gelten, wenn die Muslime die Mehrheit der Bevölkerung eines Staates stellen, hält den Anspruch auf die Verwirklichung der Scharia als juristisches System und nicht als spirituellen und ethischen Weg zu Gott aufrecht.

 

S. 150

An ganzen 49 Stellen spricht der Koran vom Glauben und Handeln als Voraussetzung für die ewige Glückseligkeit des Menschen. Es heißt immer: »Diejenigen, die glauben und Aufrichtiges tun«, nicht nur »diejenigen, die glauben«, wie die traditionelle islamische es zum größten Teil in der traditionellen islamischen Theologie behauptet wird.

 

S. 151

Der Koran sagt unmissverständlich: »Wer glaubt und Gutes tut, wahrlich, die führen wir in Gärten ein, in deren Niederungen Bäche fließen, und in denen sie ewig weilen werden. Das ist eine wahre Verheißung von Gott, und wessen Wort ist wahrhafter als Gottes? Es geht nicht nach euren Wünschen. und denen der Leute der Schrift.

 

S. 154

Der Prophet Muhammad wurde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass es nicht um Überschriften geht, sondern um die Vollkommenheit des Menschen. , um das Göttliche in ihm hervorzuheben.

 

S. 168

Wie schon mehrfach erklärt, wird das Gottesbild in einer Herr-Knecht-Beziehung, wie wir sie aus der Sklaverei kennen, Gott nicht gerecht.

 

S. 214

Die jüngsten Entwicklungen in einigen arabischen Ländern, in denen diktatorische Regime gestürzt wurden, lassen hoffen, dass diese politischen Reformen auch auf andere Bereiche der Gesellschaft übergreifen. Sie lassen hoffen, dass auch die geistigen Diktaturen in den Köpfen der Menschen, die uns am reflektierten und kritischen Denken hindern, gestürzt werden. Sie lassen hoffen, dass sich ein Verständnis des Islam etabliert, das der Würde des Menschen, seiner Freiheit und seiner Sonderstellung in der Schöpfung, sowie den koranischen Werten wie Gerech­tigkeit Gerechtigkeit und Menschenwürde höchste Priorität zuschreibt.

 

S. 219

Ich bin für die zahlreichen Gespräche und wertvollen Anregungen von vielen Kolleginnen und Kollegen äußerst dankbar. Namentlich möchte ich vor allem Herrn Prof. Dr. Klaus von Stosch erwähnen, Herrn Prof. Dr. Jürgen Werbick,  Frau Prof. Dr. Angelika Neuwirth, Herrn Prof. Dr. Bernhard Uhde, Herrn Prof. Dr. Klaus von Stosch, Herrn Prof. Dr. Jürgen Werbick, Herrn Prof. Dr. Hassan Hanafi, Frau Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning, Herrn Prof. Dr. Thomas Bauer, Herrn Prof. Dr. Marco Schöller und Herrn Prof. Dr. Norbert Oberauer und Herrn Dr. Milad Karimi erwähnen.
Herrn Dr. Milad Karimi sowie Herrn Ali Ghandour dan­ke ich für ihr kritisches Lesen des Manuskripts und für ihr wertvolles Feedback, das dieses Buch bereichert hat.

[…]

Ich danke auch seinem Kollegen vom Herder-Verlag, Frau Kers­tin Heer Herrn Dr. German Neundorfer, für die Unterstützung bei der Überarbeitung der Taschenbuchausgabe und für die sehr gute Zusammenarbeit. Besten Dank auch an Herrn Professor Werner Zager für seine wertvollen Anregungen.Ebenfalls danken möchte ich auch Frau Aida Ugljanin, Dr. Dina El Omari für die dieses Buch in gewohnt verlässlicher Weise koordiniert, Korrektur gelesen und mit hohem persönlichen Einsatz vorangebracht hat große Hilfe bei der Überarbeitung der Taschenbuchausgabe.

Bilal Erkin, M.A. 57 posts

Bilal Erkin ist studierter Islamwissenschaftler und Informationsverarbeiter. Derzeit ist er Doktorand am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück und Referent beim Avicenna-Studienwerk.

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