Seyr-i Emâkin-i Târihî

Sultanahmet Moschee
Sultanahmet Moschee

Besichtigung historischer Orte

Heute ist ein besonderer Tag. Ich arbeite nur einen halben Tag und werde danach mit meinem Herzensbruder Cüneyd die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten gemeinsam besichtigen. Es ist kurz vor zwölf. Da wir uns um halb eins auf dem Taksim Platz treffen wollten, verabschiede ich mich von meinen Kollginnen und Kollegen und gehe aus dem Institut.

Typisch Istanbuler Verkehrschaos zwingt Cüneyd, mir eine Kurznachricht zu senden, dass er sich ca. eine halbe Stunde verspäten wird. Und das obwohl er Stunden vorher losgegangen ist, um rechtzeitig anzukommen. Die Wartezeit nutze ich sinnvoll in einer kleinen Imbissbude und tanke Kalorien für den Rest des Tages. Als es soweit ist, nähere ich mich den Bushaltestellen und sehe im Augenwinkel eine Hand, die nach oben hin ausgestreckt wird und höre die Worte: „Ulan sen var ya!“. In den paar Milisekunden, die in dem Moment vergehen, denke ich mir, was der Passant von mir will und möchte ihn deshalb anschauen. Was sehe ich da? Ein junger Mann mit Stoppelbart und Kapuze – Cüneyd! Statt mich gewöhnlich zu begrüßen, wollte er mir anscheinend einen kleinen Schreck einjagen.

Wir bestimmen unsere Besichtigungsgegend und entscheiden uns für das historische Istanbul mit ihren Moscheen und anderen Sehenswürdigkeiten. Um mehr von der Tour zu haben, laufen wir zuerst die „Istiklal Caddesi“ hinunter. Angekommen an der „Galata Mevlevîhâne„, stellen wir fest, dass das Museum wegen Restaurierungsarbeiten vorerst geschlossen ist. Dort soll an Samstagen den Besuchern eine Semâzen Vorführung (tanzende Derwische) dargeboten werden. Unser Spaziergang geht weiter und wir kommen am Ende der Straße an einen U-Bahn (Metro) Eingang an. Mit der Hoffnung damit die Galata-Brücke zu überqueren, steigen wir gemeinsam ein und nehmen Platz. Nicht mal 2 Minuten vergehen und wir bemerken, dass alle Passagiere die Bahn verlassen. Uns wird klar, dass diese U-Bahn nur für EINE Station fährt. Hin und zurück. Den ganzen Tag. Für eine 200 Meter Strecke. Und die Leute bezahlen dafür. Und wir natürlich auch. Wenn die Strecke nicht erweitert werden soll, wo liegt der Sinn für den ganzen Umstand?

Aussicht Galata-Brücke
Aussicht Galata-Brücke

Uns bleibt natürlich die Überquerung der Brücke zu Fuß. Wir genießen den goldenen Horn und die vielen Angler, die an der Brücke Eimer aufgestellt haben, voll mit kleinen Fischen. Ihr typischer Geruch füllt die Luft entlang der Straße. Am Ende der Brücke wandelt dieser Geruch in eine appetiterregende: gebratene/gegrillte Fische in getoastete Brote. Die „Yeni Camii“ (Neue Moschee), die sich unmittelbar in der Nähe befindet, zieht uns wie ein Magnet an und lädt uns ein, ein den Vorhof einzutauchen. Eine steinerne Riesenmauer begrüßt uns mit ihren Tauben, Futter pickend und herumfliegend. Sie ist so groß, dass wir die hohen Minarette kaum sehen können, als wir die Treppen aufsteigen. Eine schöne arabische Kalligrafie in goldener Schrift und dunkelgrünem Hintergrund scheint einen Koranvers darzustellen. Als wir durch das Tor hineingehen, entsteht eine komplett andere Atmosphäre. Die hohen Mauern hinter uns vermitteln eine schützende Funktion und die einzelnen Halbkuppeln, die vor uns stufenartig ineinander gehen, enden mit der großen Kuppel als Krönung. Wie eine Art Treppe in den Himmel oder andersrum, eine Fontäne für die Überleitung göttlicher Gnade und Barmherzigkeit auf die Menschen. Der Fluchtpunkt, zu dem die Minarette links und rechts ausgerichtet sind, scheint bis in die Unendlichkeit zu reichen. Ich betrachte einzeln den Brunnen, die Kuppel an der Außenmauern, die Säulenkapitelle und die feinen Ausarbeitungen an den Steinen.

Aufgeladen mit so viel Spiritualität und voller positiven Gefühle geht es dann in die engen Gassen vom Stadtteil Eminönü. Wir betreten einen religiösen Buchhandel und ich verschaffe mir darin einen Überblick der Bücher, die vorhanden sind und das Kaufpotenzial besitzen. Danach begegnen wir das Grabmal des Hatice Turan Sultan. Vom grabmaleigenen Wasserhahn trinken wir einen Schluck und rezitieren die Sure Fatiha für diejenigen, die dort liegen und diesen Wasserhahn erbauen ließen. Achtend auf die wild fahrenden Autos kommen wir am Sultanahmet Platz an. Die Hagia Sophia (Ayasofya) an der linken Seite und die Sultanahmet Moschee (Blaue Moschee) mit ihren 6 Mineretten an der rechten Seite. Durch den Park hindurch bestreiten wir den Weg Richtung „At Meydanı“ (Hippodrom). Ich lasse mir von Cüneyd sagen, dass rechts das Museum für Türkisch Islamische Kultur ist und dass ich es auf jeden Fall mal besuchen sollte. In der Mitte des Platzes ragen zwei Obeliske in den Himmel. Der eine scheint älter zu sein als der andere. Vor den beiden sehe ich das Geschenk des Kaiser Wilhelm II. an der osmanischen Sultan Abfülhamîd Han II. – ein Brunnen barocker Art mit einer Kuppel hellgrüner Farbe, typisch für verschiedene Statuen und Dächer damlaiger Zeit in Deutschland.

Wasserhähne der Sultanahmet Moschee
Wasserhähne der Sultanahmet Moschee

Wie gehen über zum Vorhof der Sultanahmet Moschee. Eine Schar von Touristen haben sich hier schon versammelt. An der Eingangstür ist eine Tafel mit einer Aufschrift in 3 Sprachen: „Visitors after prayer please“. Innerhalb der Moschee wurde das Nachmittagsgebet verrichtet. Da wir keine „Besucher“ in dem Sinne sind und wir sowieso beten werden, nahmen wir uns das Privileg, einzutreten. Neben den kleinen Kerzenbehältern mit Glühbirnen, breit verteilt über der ganzen Gebetshalle, sehe ich Blitzlichter ausgehend von den Fotoapparaten der Touristen, die von Weitem hergereist sind und nun die Schönheit dieser Moschee bewunderten. Die inneren Mauern, Kuppeln und Decken schmückten die bläulichen Fliesen, die den Namen dieser Moschee gaben. Wir passieren den eingegrenzten Abschnitt der Touristen und dringen weiter nach vorn in die Gebesthalle ein. Unser „Gebet für die Begrüßung der Moschee“ endet und ich sitze im Scheindersitz mittendrin und bewundere mit großen Augen dieses architektonische Wunderwerk. Welch eine Körperkraft ist wohl für dessen Bau genutzt worden. Rechts neben der Gebetnische sitzt eine Gruppe von Menschen mit Bart, halbkreisförmig zusammen und hören einem älteren Mann zu, der irgendwas zu erzählen scheint. Plötzlich macht er ein Handzeichen und ruft mich und Cüneyd zu sich. Wir dachten erst, wir seien nicht gemeint, doch als er nochmal dasselbe tut, näheren wir uns ihm und setzen uns. Ein kurzes „Selâmünaleyküm“ (Friede sei auf Euch) unsererseits wird mit einem „Aleykümselâm“ (Auf euch sei der Friede) erwidert. Der ältere Mann trägt einen Bart, eine beige, breitere Kleidung und einen nicht so großen weißen Turban. Er hat ein sympathisches Lächeln im Gesicht, die Augenlider schwarz gefärbt, nach der Tradition des Propheten s.a.v. und spricht in einem Akzent, den ich zuerst dem Südosten der Türkei zuordnen würde. Er spricht religiöse Dinge an, wie die Gesandschaft des Propheten, seine Aufgabe auf dieser Welt und die Aufgaben seiner Gefährten. Alles was er sagt, wird von jemandem, der neben ihm sitzt, übersetzt. Ich kenne die übersetzte Sprache nicht. Der Übersetzer hat einen hellbraunen Bart. Er sieht nicht aus, als käme er vom Südosten der Türkei. Vielleicht ist er Russe. Als diese Sachen in meinem Kopf herumschwirren, kommen zwei weitere Männer dem Gesprächskreis hinzu und der ältere Mann, sagt, dass er und sein Übersetzer aus Mazedonien kommen. Ich wundere mich. Anscheinend leben dort immer noch Menschen, die derart an ihrem Glauben festhielten und ihre religiöse Identität bewahrten. Die Predigt ist lehrreich und angenehm, aber die Zeit läuft davon. Wir verabschieden uns vom Gesprächskreis und gehen hinaus.

Ein Grabstein mit Wasserstelle
Ein Grabstein mit Wasserstelle

Auf dem Weg nach Çemberlitaş sehen wir einen Friedhof. Ich frage Cüneyd, ob er weiß, wer dort begraben liegt. Auf Anhieb fällt es ihm nicht ein, aber dann erinnert er sich und sagt, es sei unter anderem das Grabmal von Sultan Abdülhamid II. Schnell treten wir ein. Zwischen zahlreichen anderen Grabsteinen, tritt einer besonders hervor: der von Ziya Gökalp. Mir fällt auf, dass einige Grabsteine so verarbeitet worden sind, dass sie sogar nach dem Tod eines jemanden, der Natur dienen kann. Es wurden Gefäß-artige Nischen herausgearbeitet, sodass vom Regenwasser, dass sich hier ansammelt, die Vögel trinken können. Wir ziehen die Schuhe aus und betreten das mit rotem Teppich verlegte Grabmalgebäude. Im Übergangsraum befinden sich einige Fotos, die Abdülhamid II. aus verschiedenen Regionen seines Reiches fotografieren ließ. Gegenüber davon sind 3 große Plakate aus der Zeitschrift „Yedikıta“ zu sehen. Auf dem einen werden die Pläne des Sultans gezeigt, eine weitere Brücke über dem Bosporus zu bauen. Auf dem anderen der Plan, einen unterirdischen Tunnel unter den Gewässern Istanbuls zu bauen und auf dem letzten Plakat, die Ausgrabungsergebnisse im Nahen Osten beüzglich der Erdölfunde. Wir gelangen in den Hauptraum, wo wichtige Persönlichkeiten ruhen. Unter anderem Sultan Mahmud II, Sultan Abdülaziz und Sultan Abdülhamid II. Wir sprechen unsere Sendungen aus und verlassen den Friedhof.

So viele neue Eindrücke und so viele Wege machen einen hungrig. In Beyazıt essen wir unser Essen und genießen unser Schoko-Baklava in einem der Süßigkeiten-Läden. Mit vollem Magen und ein wenig Kopfschmerzen geht es dann mit der Straßenbahn nach Hause. Um alles zu verarbeiten, muss ich eine Nacht drüber schlafen.

Bilal Erkin, M.A. 57 posts

Bilal Erkin ist studierter Islamwissenschaftler und Informationsverarbeiter. Derzeit ist er Doktorand am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück und Referent beim Avicenna-Studienwerk.

4 Kommentare

  • Canan (10 Jahren ago) Reply

    Salamu Alaykum,

    Mensch, in Gedanken war ich mal wieder mit in Istanbul.. Nasil özelmisim oralari.. und dann deine schöne Erzählweise. Du scheinst die Zeit echt zu genießen dort. Sollst du natürlich auch:)!
    Ich sollte eigentlich lernen, aber bin in Gedanken in Istanbul gefangen ;)
    InshaAllâh werden wir noch mehr von dir zu lesen bekommen, Bilal. Und ganz so alleine bist du dort ja scheinbar auch nicht mehr, sondern hast den Cuneyd bei dir ;)

    Bis dahin ,Allâh'a emanetsin,
    wa Salâm

  • Esat (10 Jahren ago) Reply

    Selamünaleyküm mein bester Verwandter, ich bin sehr stolz dein Verwandter zu sein.
    Dein Onkel Ferhat und ich haben deine Berichte gelesen und grüßen dich und deine Zimmergenossen und deinen Freund Cüneyd.
    Dein Cousin Burak grüßt dich ebenfalls und der Rest der Familie.
    Wir wüschen dir alles Gute und freuen uns auf unser Wiedersehen.

  • Cüneyd Kadizade (10 Jahren ago) Reply

    Scheint ja ein ganz cooler Typ zu sein dein Freund, der Cüneyd ;)

  • Muharrem Sacit Seras (10 Jahren ago) Reply

    Süpersiniz canim kardesleri
    . Resmen kendimi kaptiriyorum bu güzel bloglari okurken.
    Alamanyadan size selamlar.

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