Wenn der Wissenschaftler ein Buch veröffentlicht..

Es wird gesagt, dass jedes Jahr auf der Welt ca. 1. Mio. Bücher publiziert werden, die verschiedenste Themen behandeln. Ein beachtlicher Teil davon sind wissenschaftliche Publikationen. Doch wann ist es sinnvoll, eine wissenschaftliche Publikation zu veröffentlichen und welche Prinzipien sollten beachtet werden?

Der arabische Gelehrte Ibn Ḫaldūn aus dem 15. Jhd., der als „Vater der Soziologie“ gilt, beantwortet in seinem berühmtesten Werk Muqaddima (Die Einleitung) diese Fragen sehr genau. Nach ihm gebe es 7 verschiedene Anlässe und Formen für das Verfassen eines Buches.

1. Eine neue Wissenschaft

Der Wissenschaftler greift die einzelnen Themen einer neuen Wissenschaft auf und gliedert sie in Abschnitte und Kapitel. Die aufgestellten Tehmen werden sodann erforscht und ihre Ergebnisse schriftlich festgehalten. Der Wissenschaftler, der diese Arbeit leistet, möchte natürlich auch, dass andere Leute von diesem Wissen profitieren und einen Nutzen davon ziehen können und verschriftlicht es daher in einem Buch.

2. Kommentar oder Erläuterungen (šarḥ)

Der Wissenschaftler, der die historischen Bücher lesen und verstehen möchte, merkt, dass sie nicht auf Anhieb klar und deutlich sind, sondern es einer näheren Betrachtung bedarf, um sie zu verstehen. Der Wissenschaftler überlegt sich, dass sich andere, die dieses Wissen ebenfalls aneignen wollen, ebenfalls schwer tun werden und schreibt daher ein Buch, der das alte Werk ergänzend kommentiert und  erläutert.

3. Revision oder Korrektur (istidrāk)

Der Wissenschaftler liest ein Buch eines früheren Wissenschaftlers und findet Fehler in seinem Werk und sichert deren Falschheit durch feste Beweise. Es ist allerdings bei früheren berühmten Autoren, deren Werke in den verschiedensten Regionen über die Jahrhunderte hinweg bekannt sind, nicht möglich, diese Fehler einfach so zu beheben. Daher ist es die Aufgabe des Wissenschaftlers, die aufgefallenen Fehler in einem Buch zusammenzufassen und der Öffentlichkeit bereitzustellen.

4. Vervollständigung (itmām)

Der Wissenschaftler studiert ein früheres Werk und merkt, dass es mangelhaft ist und wichtige Punkte fehlen. Er füllt diese wissenschaftlichen Lücken und veröffentlicht dazu ein Buch.

5. Ordnung und Strukturiereung (tartīb wa intiẓām)

Der Wissenschaftler merkt, dass das Wissen in einem Werk unstrukturiert und wirr ist und behebt diesen Umstand durch das gliedern des Inhalts und die Zuweisung der einzelnen Themen in die richtigen Gliederungspunkte.

6. Kumulation (ǧamʿ)

Der Wissenschaftler forscht über ein bestimmtes Thema und sieht, dass mehrere Punkte zu diesem Thema über verschiedene Werke (anderer Wissenschaftsdisziplinen) verstreut sind und es bisher keine Monografie über die erforschte Thematik existiert. Dann kumuliert/sammelt er die verschiedenen Punkte aus mehreren Büchern und stellt einen Zusammenhang zwischen diesen auf. Die Ergebnisse veröffentlicht er als ein Buch.

7. Zusammenfassung/Kompendium (muḫtaṣar)

Der Wissenschaftler liest ein größeres Werk zu einer bestimmten Thematik, der die kleinsten Details behandelt, und fasst diese Inhalte der Leserlichkeit halber zusammen. Diese Zusammenfassung gibt er als ein Buch heraus. Wichtig ist dabei, dass der Wissenschaftler die Intention und Absicht des früheren Autors 1:1 übernimmt und keine Eigeninterpretationen einfließen lässt.

Dies sind nach Ibn Ḫaldūn die einzigen Anlässe, zu denen der Wissenschaftler ein Buch verfassen kann. Alle anderen Anlässe, zu denen jemand ein Buch schreiben möchte, seien unnötig. Zudem kritisiert er scharf diejenigen Personen, die sich als Wissenschaftler ausgeben und Bücher über Themen schreiben, die bereits behandelt wurden. Zu den von ihm kritisierten Personen gehören auch solche, die unwichtige Aspekte in einem Buch aufgreifen, wichtige Aspekte aus einem Buch herausnehmen, das Richtige mit dem Falschen ersetzen oder über eine Sache schreiben, die keinen interessiert und keinem einen Nutzen bringt. Dies sei auch die Ansicht von Aristoteles gewesen.

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Quelle:

Ibn Ḫaldūn: Muqaddima. Hrsg. von Benjamin Duprat mit dem Titel: Prolégomènes d’Ebn Khaldoun. Texte Arabe. 3 Bde. 1858. Paris: Libraire de L’Institut Impérial de France.

Auszug aus diesem Werk: Band 3, S. 241-248.

Bilal Erkin, M.A. 57 posts

Bilal Erkin ist studierter Islamwissenschaftler und Informationsverarbeiter. Derzeit ist er Doktorand am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück und Referent beim Avicenna-Studienwerk.

1 Kommentar

  • Wolf D. Ahmed Aries (5 Jahren ago) Reply

    Diese Aufzählung Ibn Khalduns verschattet als Perspekjtive auf die Gegenwart mehrere Entwicklungsstränge:
    (a) das Phänomen der Fachzeitschriften, die ständig steigende Zahl von Hochschulen und Forschungsinstituten, an denen ehrzgeizige junge Forscher auf eine wissenschaftliche Karriere zuschreiben (müssen); zudem steigt die Diversifikation der Fachgebiete ständig.
    Daher sind Monographien als Buch nur bedingt zu schätzen, denn ein Sammelband oder der Kongressband einer multidisziplären Tagung ist häufig die Alternative.
    Und so ist der Hinweis auf Ibn Khaldun eine Erinnenrung an eine einst heile Welt.

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